Nikolaus Lenau
Warnung im Traume (Nikolaus Lenau)

                   

In üppig lauter Residenz

Verschwelgt mit reicher Habe

Ein Jüngling seinen Lebenslenz;

Die Eltern ruhn im Grabe.

Die Mutter lag am Sterbepfühl

Mit matten Herzensschlägen,

Sie legte blaß und todeskühl

Die Händ ihm auf zum Segen.

Und sie verschwendet noch im Schmerz

Der Kräfte letzten Glimmer,

Daß nun das Kind ihr treues Herz

Verlassen soll auf immer.

Der Mutterliebe ewge Macht

Hält sie dem Sohn vereinet,

Wie mildes Mondlicht in der Nacht

Des Wandrers Pfad bescheinet.

Umschwebt sie auch im Geisterflug

Still segnend den Bedrohten,

Gewaltig ist der Sinnenzug,

Und kraftlos sind die Toten.

Sie sah, wie 's letzte Röslein sich

Von seiner Wange stehle,

Und wie die Unschuld ihm verblich,

Die Rose seiner Seele.

Sie sah den Sohn die Sinnengier

Stets fesselnder umgarnen;

Ein Trost nur war geblieben ihr:

In Träumen ihn zu warnen.

Nach einem wildverbrausten Tag,

Verbuhlet und vertrunken,

Der Jüngling auf dem Bette lag,

Dem Schlafe heimgesunken.

Da träumt ihm, daß er abends irrt

Durch volkbelebte Straßen,

Wo manche Dirne lockend kirrt

Zu lüsternem Umfassen.

Schon wandelt der Laternenmann

Von Pfahl zu Pfahl und zündet

Dem Laster seine Sterne an,

Das hier sich sucht und findet.

Der Jüngling sieht ein lockend Weib

An ihm vorübergleiten,

Um deren üppig schlanken Leib

Sich Licht und Dunkel streiten.

Das Licht ihm wenig nur erhellt,

Die Lust nach dem zu wecken,

Was ihm das Dunkel vorenthält

Mit reizend schlauem Necken.

Er will den Reizen sein zu Gast,

Sie laden ihn so dringend,

Er eilt ihr nach, der Schritte Hast

Je mehr und mehr beschwingend.

Doch wie er nach der Dirne setz,

Er kann sie nicht erreichen,

Er sieht die Dunkle weiter stets

Und lockender entweichen.

Sie gleichet einem Nebelbild

Mit leisem, fernem Winken;

Sein Blick dem Sonnstrahl heiß und wild,

Den Nebel aufzutrinken.

Schon haben sie im raschen Zug

Die wache Stadt verlassen,

Und schon durchkreuzt ihr schneller Flug

Der Vorstadt öde Straßen.

Nur hier und dort ein Licht noch brennt

Bei Toten oder Kranken;

Und fort und fort die Dirne rennt,

Er nach mit giergem Zanken:

»Was rennst du, Tolle, so geschwind?

Wo steht dein süßes Lager?«

Da pfeift ums Ohr ein kalter Wind

Dem ungestümen Frager.

»Halt an, halt an die tolle Flucht!

Ich will dich fürstlich zahlen!«

Also der Jüngling fleht und flucht,

Schwerkrank an Wollustqualen.

Nun ist kein Haus zu schauen mehr;

Mit argbetroffnen Blicken

Sieht er nur Gräber rings umher

Und ernste Kreuze nicken.

Da wendt sie sich im Mondenlicht,

Zu seiner Qualgenesung:

Mit grauverwischtem Angesicht

Umarmt ihn – die Verwesung. –

Bald ward des Traumes kalte Braut

Am schweigenden Altare

Dem Jüngling wirklich angetraut,

An seiner Totenbahre.

(1833/34)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag