Gottfried August Bürger
Die Kuh (Gottfried August Bürger)

         

Frau Magdalis weint' auf ihr letztes Stück Brod;

Sie konnt' es vor Kummer nicht essen.

Ach, Wittwen bekümmert oft größere Noth,

Als glückliche Menschen ermessen.

»Wie tief ich auf immer geschlagen nun bin!

Was hab' ich, bist du erst verzehret?« –

Denn, Jammer! ihr Eins und ihr Alles war hin,

Die Kuh, die bisher sie ernähret. –

Heim kamen mit lieblichem Schellengetön

Die andern, gesättigt in Fülle.

Vor Magdalis' Pforte blieb keine mehr stehn

Und rief ihr mit sanftem Gebrülle.

Wie Kindlein, welche der nährenden Brust

Der Mutter sich sollen entwöhnen,

So klagte sie Abend und Nacht den Verlust

Und löschte ihr Lämpchen mit Thränen.

Sie sank auf ihr ärmliches Lager dahin

In hoffnungslosem Verzagen,

Verwirrt und zerrüttet an jeglichem Sinn,

An jeglichem Gliede zerschlagen.

Doch stärkte kein Schlaf sie von Abend bis früh;

Schwer abgemüdet, im Schwalle

Von ängstlichen Träumen, erschütterten sie

Die Schläge der Glockenuhr alle.

Früh that ihr des Hirtenhornes Getön

Ihr Elend von Neuem zu wissen.

»O wehe! Nun hab' ich nichts aufzustehn!« –

So schluchzte sie nieder in's Kissen.

Sonst weckte des Hornes Geschmetter ihr Herz,

Den Vater der Güte zu preisen.

Jetzt zürnet' und hadert' entgegen ihr Schmerz

Dem Pfleger der Wittwen und Waisen.

Und horch! Auf Ohr und auf Herz wie ein Stein

Fiel's ihr mit dröhnendem Schalle.

Ihr rieselt' ein Schauer durch Mark und Gebein:

Es dünkt ihr wie Brüllen im Stalle.

»O Himmel! Verzeihe mir jegliche Schuld,

Und ahnde nicht meine Verbrechen!«

Sie wähnt', es erhübe sich Geistertumult,

Ihr sträfliches Zagen zu rächen.

Kaum aber hatte vom schrecklichen Ton

Sich mählich der Nachhall verloren,

So drang ihr noch lauter und deutlicher schon

Das Brüllen vom Stalle zu Ohren.

»Barmherziger Himmel, erbarme dich mein

Und halte den Bösen in Banden!«

Tief barg sie das Haupt in die Kissen hinein,

Daß Hören und Sehen ihr schwanden.

Hier schlug ihr, indem sie im Schweiße zerquoll,

Das bebende Herz wie ein Hammer,

Und drittes noch lauteres Brüllen erscholl,

Als wär's vor dem Bett in der Kammer.

Nun sprang sie mit wildem Entsetzen heraus,

Stieß auf die Laden der Zelle.

Schon strahlte der Morgen; der Dämmerung Graus

Wich seiner erfreulichen Helle.

Und als sie mit heiligem Kreuz sich versehn:

»Gott helfe mir gnädiglich, Amen!« –

Da wagte sie's zitternd, zum Stalle zu gehn

In Gottes allmächtigem Namen.

O Wunder! Hier kehrte die herrlichste Kuh,

So glatt und so blank wie ein Spiegel,

Die Stirne mit silbernem Sternchen ihr zu.

Vor Staunen entsank ihr der Riegel.

Dort füllte die Krippe frisch duftender Klee,

Und Heu den Stall, sie zu nähren;

Hier leuchtet' ein Eimerchen, weiß wie der Schnee,

Die strotzenden Euter zu leeren.

Sie trug ein zierlich beschriebenes Blatt

Um Stirn und Hörner gewunden:

»Zum Troste der guten Frau Magdalis hat

N. N. hierher mich gebunden.« –

Gott hatt' es ihm gnädig verliehen, die Noth

Des Armen so wohl zu ermessen.

Gott hatt' ihm verliehen ein Stücklein Brod,

Das konnt' er allein nicht essen. –

»So«, schwur mir ein Maurer, »so ist es geschehn!«

Allein er verbot mir den Namen.

Gott laß es dem Edeln doch wohl ergehn!

Das bet' ich herzinniglich, Amen!

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.