![]() |
|||||||
|
|||||||
Gottfried Keller Denker und Dichter (Gottfried Keller)1 Wohlan, ihr neunmal Weisen! Ich fordre euch heraus! Baut ihr von Stein und Eisen Ein sturmgesichert Haus: Bau' ich aus Blütendüften Und Mondschein mir ein Schloss, Drin biete ich euch allen Trutz Und eurem Schülertross! Die güldnen Sonnenstrahlen Sind meine Lanzen scharf, Die Blumen in den Talen Sind all mein Schiessbedarf; Die Tannen auf den Bergen Sind meine Wächtersleut', Des Himmels Sterne allzumal Mein glänzend Heer zum Streit. Auf, meine Siegstandarte, Die ist das Abendrot! Auf, meine Feldherrnwarte, Die ist das Morgenrot! Mein Tambour ist der Donner, Der durch die Lüfte rollt, Trompeter ist der wilde Sturm, Der auf den Meeren grollt. Der Oberfeldzeugmeister Ist meine Phantasie, Und ihre tapfern Geister Verliessen mich noch nie! Die unerschöpfte Kasse Der Quellen Silberschaum, Mein lustig kühles Lagerzelt Des Waldes grüner Raum. Die Wolken sind Trabanten, Die meine Stimme ruft, Und meine Adjutanten Die Adler in der Luft, Die fliegen und die spähen Hinaus in alle Welt, Mein leicht' Gemüt ist Feldmarschall, Das ist ein guter Held! Ich sende dir entgegen, O Feind! die Nachtigall, Die bringt mit ihren Schlägen Dich alsogleich zu Fall. Ich lasse auf euch spielen Mein duftiges Geschütz, Und euer Eis zerschmelzen muss An meinem Lanzenblitz! Gott hat zu seinem Zeugen Geordnet den Gesang; Der wird nun nimmer schweigen Die Ewigkeit entlang. In seinen Zauberwellen Versinkt der letzte Spott; Solange noch ein Dichter lebt, Lebt auch der alte Gott! 2 Nein! - Zwischen uns soll Friede sein, Die weisse Fahne steck' ich auf, Dass in geharnischtem Verein Wir wallen einen Siegeslauf. Voran, voran, ihr Bittern In fegenden Gewittern! Die Dichter aber schreiten nach Mit klargestimmten Zithern! Ihr seid die feuerschwangre Kraft, Vor der der gift'ge Dunst zergeht, Sprengt den entlaubten Eichenschaft, Der starr und dürr im Wege steht; Doch funkelnd aufgezogen Sind wir der Regenbogen, Der von der Erd' zum Himmel lacht, Wenn das Gelärm verflogen. Ihr werft die Götzen aus dem Haus Im Heidentum, im Christentum; Ihr jätet Dorn und Distel aus Und pflügt den starren Acker um! Doch wir auf Lenzesschwingen, Mit Spielen und mit Singen, Wir müssen in die Furchen dann Den neuen Samen bringen. Dann aber folgt der Sänger Schar, Die einen neuen Himmel baut, Darinnen man im Lichttalar Den alten Gott der Liebe schaut! Voran, voran, ihr Bittern In fegenden Gewittern, Wir ziehen heilend, segnend nach Mit hellgestimmten Zithern! Mehr Keller Gedichte? Bitte klicken Sie Gottfried Keller. Gedichte aller Autoren finden Sie in unserem Index. |
| ||||||