Eduard Mörike
Wald-Idylle (Eduard Mörike)

[An J. M.]

Unter die Eiche gestreckt, im jung beraubten Gehoelze

Lag ich, ein Buechlein vor mir, das mir das lieblichste bleibt,

Alle die Maerchen erzaehlts, von der Gaensemagd und vom Machandel-

Baum und des Fischers Frau; wahrlich man wird sie nicht satt.

Gruenlicher Maienschein warf mir die geringelten Lichter

Auf das beschattete Buch, neckische Bilder zum Text.

Schlaege der Holzaxt hoert ich von fern, ich hoerte den Kukuk,

Und das Gelispel des Bachs wenige Schritte vor mir.

Maerchenhaft fuehlt ich mich selbst, mit aufgeschlossenen Sinnen

Sah ich, wie helle! den Wald, rief mir der Kukuk, wie fremd!

Ploetzlich da rauscht es im Laub, - wird doch Sneewittchen nicht kommen,

Oder, bezaubert, ein Reh? Nicht doch, kein Wunder geschieht.

Siehe, mein Nachbarskind aus dem Dorf, mein artiges Schaetzchen!

Muessig lief es in Wald, weil es den Vater dort weiss.

Ehrbar setzet es sich an meine Seite, vertraulich

Plaudern wir dieses und das, und ich erzaehle sofort

Gar ausfuehrlich die Leiden des unvergleichlichen Maedchens,

Welchem der Tod dreimal, ach, durch die Mutter gedroht.

Denn die eitle, die Koenigin, hasste sie, weil sie so schoen war,

Grimmig, da musste sie fliehn, wohnte bei Zwergen sich ein.

Aber die Koenigin findet sie bald; sie klopfet am Hause,

Bietet, als Kraemerin, schlau, lockende Ware zu Kauf.

Arglos oeffnet das Kind, den Rat der Zwerge vergessend,

Und das Liebchen empfaengt, weh; den vergifteten Kamm.

Welch ein Jammer, da nun die Kleinen nach Hause gekehrt sind!

Welcher Kuenste bedarfs, bis die Erstarrte erwacht!

Doch zum zweitenmal kommt, zum dritten Male, verkleidet,

Kommt die Verderberin, leicht hat sie das Maedchen beschwatzt,

Schnuert in das zierliche Leibchen sie ein, den Atem erstickend

In dem Busen; zuletzt bringt sie die toedliche Frucht.

Nun ist alle Hilfe umsonst; wie weinen die Zwerge!

Ein kristallener Sarg schliesset die Aermste nun ein,

Frei gestellt auf den Berg, ein Anblick allen Gestirnen;

Unverwelklich ruht innen die suesse Gestalt.

- So weit war ich gekommen, da drang aus dem naechsten Gebuesche

Hinter mir Nachtigallschlag herrlich auf einmal hervor,

Troff wie Honig durch das Gezweig und spruehte wie Feuer

Zackige Toene; mir traf freudig ein Schauer das Herz,

Wie wenn der Goettinnen eine, vorueberfliehend, dem Dichter

Durch ambrosischen Duft ihre Begegnung verraet.

Leider verstummte die Saengerin bald, ich horchte noch lange,

Doch vergeblich, und so bracht ich mein Maerchen zum Schluss. -

Jetzo deutet das Kind und ruft: "Margrete! da kommt sie

Schon! In dem Korb, siehst du, bringt sie dem Vater die Milch!"

Und durch die Luecke sogleich erkenn ich die aeltere Schwester;

Von der Wiese herauf beugt nach dem Walde sie ein,

Ruestig, die braeunliche Dirne; ihr brennt auf der Wange der Mittag;

Gern erschreckten wir sie, aber sie gruesset bereits.

"Haltets mit, wenn Ihr moegt! es ist heiss, da misst man die Suppe

Und den Braten zur Not, fett ist und kuehle mein Mahl."

Und ich straeubte mich nicht, wir folgten dem Schalle der Holzaxt;

Statt des Kindes wie gern haett ich die Schwester gefuehrt!

Freund! du ehrest die Muse, die jene Maerchen vor alters

Wohl zu Tausenden sang; aber nun schweigst sie laengst,

Die am Winterkamin, bei der Schnitzbank, oder am Webstuhl

Dichtendem Volkswitz oft koestliche Nahrung gereicht.

Ihr Feld ist das Unmoegliche; keck, leichtfertig verknuepft sie

Jedes Entfernteste, reicht lustig dem Bloeden den Preis.

Sind drei Wuensche erlaubt, ihr Held wird das Albernste waehlen;

Ihr zu Ehren sei dir nun das Gestaendnis getan,

Wie an der Seite der Dirne, der vielgespraechigen, leise

Im bewegten Gemuet bruenstig der Wunsch mich beschlich:

Waer ich ein Jaeger, ein Hirt, waer ich ein Bauer geboren,

Trueg ich Knuettel und Beil, waerst, Margarete, mein Weib!

Nie da beklagt ich die Hitze des Tags, ich wollte mich herzlich

Auch der rauheren Kost, wenn _du_ sie braechtest, erfreun.

O wie herrlich begegnete jeglichen Morgen die Sonne

Mir, und das Abendrot ueber dem reifenden Feld!

Balsam wuerde mein Blut im frischen Kusse des Weibes,

Kraftvoll bluehte mein Haus, doppelt, in Kindern empor.

Aber im Winter, zu Nacht, wenn es schneit und stoebert, am Ofen,

Rief' ich, o Muse, dich auch, maerchenerfindende, an!