August von Platen
An die neue Schule (August von Platen)

       

Tadelt ihr mich, daß ich noch die homerischen Götter beschwöre?

    Daß ich zu griechischer Form flüchtete, tadelt ihr mich?

Leider gelang mir's nie, euch selbst zu verstehn und das Eure,

    Nicht den andächtigen Sinn, nicht das Geklingel des Schalls.

Möge der Pöbel sich freun an der Trommel der Janitscharen;

    Aber ein feineres Ohr huldige feinerem Klang!

Laßt das Volk sich erbaun am anachoretischen Wahnsinn,

    Wollt ihr Märchen, so zieht frömmigen sinnige vor!

Deutsche rühmt ihr zu sein und verachtet die fremden Gebilde;

    Doch wer anders als ihr habt uns die Sprache verletzt?

Fühltet ihr nicht, daß sie stets tonlos im spanischen Halbreim,

    Matt im geschraubten Sonett, leer in den Glossen an Geist?

Atmen melodisch die südlichen Töne verströmenden Wohllaut,

    Gleichen die unsrigen doch wirbelnden Wassern im Sturz.

Aber ihr nahmt den Gesängen das Maß, und der Rede die Klarheit,

    Aber der herrische Keim flüstert Gedanken euch zu.

Christlich verschmäht ihr und stolz die erhabene Schar des Olympus,

    Reißt die Kamöne hinweg von dem kastalischen Quell.

Fort mit verjährtem Betruge! so ruft ihr, und gebt zum Ersatz uns

    Gütig den mönchischen Wust frommer Erfindungen preis,

Wechselt die Ilias gern um den Folioschatz der Legende,

    Und die Reliquie nimmt, statt der Antike, Besitz.

Doch ihr entthront die Unsterblichen nicht; und sie werden noch heute

    Zum unerschöpflichen Ruhm bildender Hände verehrt.

Ewig besteht, was ein glückliches Volk in der Blüte der Zeit schuf,

    Aber der finstere Wahn trauriger Tage vergeht.

Recht hat jegliche Zeit; zwar gönnen wir jeglicher Ehre,

    Doch was dem Ahne geziemt, ziemet dem Enkel nicht mehr.

Kaum noch erwachte die Welt aus dumpfer Jahrhunderte Schlummer,

    Lockt ihr sie wieder zurück, wieder zur Höhle des Schlafs.

Ehrfurcht wehrt es der Kunst, zu berühren das ewige Rätsel,

    Und sie erwählte dafür lieblicher Bilder Gewand:

Doch ihr, Frömmelnde, seid's, die den unaussprechlichen Weltgeist,

    Ihn, den unendlichen Gott, nieder zum Jupiter ziehn.

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000291-5
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.