August von Platen
Abschied von der Zeit (August von Platen)

(1822)

         

Konnt' ich doch sonst mich auferbauen,

Den lustigen Lauf der Welt beschauen,

Nun hör ich die politischen Schellen

Mir ewig vor den Ohren gellen,

Das Kleinste seh ich zuhöchst sich schwingen,

Als wolle der Staat die Welt verschlingen!

Wie fühl ich frei mich und beglückt,

Daß man noch Blumen auf Wiesen pflückt,

(In Gärten will sich's nicht mehr schicken,

Auch nur ein Blättchen zu zerknicken),

Daß jedem, welcher geht spazieren,

Man nicht den Paß erst läßt visieren,

Und nicht ihm, daß man ihn erkennt,

Die Hausnummer auf die Nase brennt.

Zwar dachte man an all das nie

Zur Zeit der alten Despotie,

Doch sind wir, sonstige Sklavenhorden,

Auf einmal liberal geworden

Und wissen in unserm Volksverein

Vor Freiheit weder wo aus noch ein!

O würde, was da lebt und handelt

In eine Papierfabrik verwandelt,

Und der Vogel, der in den Lüften segelt,

Nach Theorieen des Staats geregelt!

Doch, was die Zeit uns auch verspricht,

Natur! versiege du nur nicht!

Du Mächtige, Mannigfaltige, Reiche,

Versinke nicht ins flache Gleiche!

Doch du hast niemals mitbeschworen

Den Aberwitz beschränkter Toren,

Du strebtest nie, daß eins wie's andre,

Und gönnst, daß jeder in Frieden wandre;

Den Weisen hüllst du in dein Licht

Und gibst dem Schaf ein Schafsgesicht;

Der Mittelmäßigkeit Gewühle

Reibst du zu Staub in deiner Mühle

Und rufst, zu schalten weit und breit,

Das Große hervor von Zeit zu Zeit.

Erzieht nur, bildet unverdrossen,

Es spielt Natur euch allen den Possen!

Doch wird ein Esel euch geboren,

So kultiviert ihm ja die Ohren! -

Germania, Weib voll edler Zier,

Dein letzter Dichter steht vor dir;

Er spricht: »O laß dich nicht verführen,

Dich nicht in politische Ketten schnüren!

O laß dich länger nicht betreffen,

Ausländischem Dünkel nachzuäffen,

Um anzustaunen, um einzuholen,

Was abgeschliffen du an den Sohlen!

Gescheh's denn, was du willig erkoren!

Und lebe wohl! du bist verloren;

Auf ewig schwörst du nun Vernichtung

Der alten Liebe, der alten Dichtung;

Und ach! dein Sänger kann allein

Auf Trümmern ein Jeremia sein.«

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000291-5
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.