Nikolaus Lenau
Wunsch (Nikolaus Lenau)

       

Fort möcht ich reisen

Weit, weit in die See,

O meine Geliebte,

Mit dir allein!

Die Dränger und Lauscher

Und kalten Störer,

Sie hielt' uns ferne

Der wallende Abgrund,

Das drohende Meer,

Wir wären so sicher

Und selig allein.

Und käme der Sturm,

Ich würde dich halten

An meiner Brust.

Wenn donnernde Wogen

Zum Himmel schlügen,

Doch höher schlüge

Mein trunkenes Herz;

Und meine Liebe,

Die ewige, starke,

Sie würde frohlockend

Dich halten im Sturm.

Du würdest zitternd

Mir blicken ins Auge

Und würdest erblicken,

Was nimmer scheitert

In allen Stürmen,

Und würdest lächeln

Und nicht mehr zittern.

Sieh, nun ermüdet

Der tobende Aufruhr,

In Schlummer sinken

Die Wellen und Winde,

Und über den Wassern

Ist tiefe Stille.

Da ruhst du sinnend

An meiner Brust.

So tiefe Stille:

Mein lauschendes Herz

Hört Antwort pochen

Dein lauschendes Herz.

Wir sind allein,

Doch flüsterst du leise,

Um nicht zu stören

Das sinnende Meer.

Nur sanft erzittern

Die Lippen dir,

Die schwellenden Blätter

Der süßen Rose,

Ich sauge dein Wort,

Den klingenden Duft

Der süßen Rose.

Im Osten hebt sich

Der klare Mond,

Und Gott bedecket

Den Himmel mit Sternen,

Und ich bedecke,

Selig wie er,

Dein liebes Antlitz,

Den schönern Himmel,

Mit feurigen Küssen.

(1836)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag