Nikolaus Lenau
Die Zweifler (Nikolaus Lenau)

                   

   

Zwei Freunde traten schweigend ein

In einem blütenvollen Hain.

Die Sonne ließ den Strahl im Neigen

Erzittern auf den Erlenzweigen,

Und Leben, Lieben überall

Schien schwellend sich hervorzudrängen.

Aus Büschen ruft die Nachtigall

Hervor in schmerzlich süßen Klängen,

Als ob die Sängerin aus Eden

Den Tod sanft möchte überreden

Mit ihrem Liede zaubervoll,

Daß er den Lenz nicht rauben soll.

Die Freunde schwiegen, nur der Bach

In das Geflöte murmelnd sprach;

Viel Blumen standen bunt herum

Und wiegten ihre Häupter stumm,

In das geschwätzig muntre Rauschen

Des Baches froh hinabzulauschen,

Wie Kinder lauschen, frohgespannt,

Dem Wandrer, der von fernem Land,

Von schönen Wundern viel erzählt

Auf seiner Irrfahrt durch die Welt. –

O Nachtigall! du rufst vergebens

Um Dauer dieses Wonnelebens!

Bald glüht dein letztes Abendrot,

In seinem Durste wird der Tod

Hinweg dein süßes Lied auch trinken,

Du wirst vom stillen Aste sinken!

Ihr lieben Blümlein! trauet nicht

Dem Märchen, das der Wandrer spricht;

Seht, seht, schon schwillt er brausend an,

Im Walde schon die Stürme nahn;

Der Donner kommt, und voller schwillt

Der Bach, der immer lauter brüllt;

Er faßt euch an, er reißt euch los

Aus eurer Mutter grünem Schoß!

Wie dort die Rosenstaude bebt,

Nun sich zu ihr der Wilde hebt!

Sie schwankt in ihrem Blütenkleid,

Da sie der Strom frohlockend wiegt:

So wiegt der Bursche seine Maid,

Bevor mit ihr zum Tanz er fliegt. –

Der andre sprach: mir gilt es gleich,

Ob Leben – Tod – im Schattenreich!

Strahlt jenseits auch ein mildes Licht,

So fehlt gewiß der Donner nicht,

Der, was das Licht in Liebe hegt,

Mit seinem Zorne niederschlägt.

Denn glauben kann ich nimmermehr,

Es habe sich das ganze Heer

Von Qualen, die gebar Natur,

Gelagert auf die Erde nur;

Daß sie von dieser Welt nicht wandern

Mit uns hinüber in die andern,

Die doch in unsrer Brust voll Wunden

So traute Herberg stets gefunden. –

Solang dies Herz auf Erden schlug,

Hab ich erlebt genug, genug,

Um ein Vergehen, ein Verschwinden –

Ein Los der Sehnsucht wert zu finden.

Und schlaf ich einst im Grab so tief,

Und tiefer, denn als Kind ich schlief,

So mag der Tod sich immerhin

Davor als Wächter stellen hin:

Er steht am stillen Grabverlies,

Ein Engel vor dem Paradies. –

Doch ist es anders mir beschlossen,

Soll drüben neu mein Leben sprossen:

Werd ich gelassen, ohne Zagen,

Auch meine Ewigkeit ertragen.

(1831)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag