Nikolaus Lenau
Die Heideschenke (Nikolaus Lenau)

                 

 

Ich zog durchs weite Ungarland;

Mein Herz fand seine Freude,

Als Dorf und Busch und Baum verschwand

Auf einer stillen Heide.

Die Heide war so still, so leer,

Am Abendhimmel zogen

Die Wolken hin, gewitterschwer,

Und leise Blitze flogen.

Da hört ich in der Ferne was,

In dunkler, meilenweiter;

Ich legte 's Ohr ans knappe Gras,

Mir war, als kämen Reiter.

Und als sie kamen näherwärts,

Begann der Grund zu zittern,

Stets bänger, wie ein zages Herz

Vor nahenden Gewittern.

Hertobte nun ein Pferdehauf,

Von Hirten angetrieben

Zu rastlos wildem Sturmeslauf

Mit lauten Geißelhieben.

Der Rappe peitscht den Grund geschwind

Zurück mit starken Hufen,

Wirft aus dem Wege sich den Wind,

Hört nicht sein scheltend Rufen.

Gezwungen ist in strenge Haft

Des Wildfangs tolles Jagen,

Denn klammernd herrscht des Reiters Kraft,

Um seinen Bauch geschlagen.

Sie flogen hin, woher mit Macht

Das Wetter kam gedrungen;

Verschwanden – ob die Wolkennacht

Mit einmal sie verschlungen.

Doch meint ich nun und immer noch

Zu hören und zu sehen

Der Hufe donnerndes Gepoch,

Der Mähnen schwarzes Wehen.

Die Wolken schienen Rosse mir,

Die eilend sich vermengten,

Des Himmels hallendes Revier

Im Donnerlauf durchsprengten.

Der Sturm ein wackrer Rosseknecht,

Sein muntres Liedel singend,

Daß sich die Herde tummle recht,

Des Blitzes Geißel schwingend.

Schon rannten sich die Rosse heiß,

Matt ward der Hufe Klopfen,

Und auf die Heide sank ihr Schweiß

In schweren Regentropfen.

Nun brach die Dämmerung herein,

Mir winkt von fernen Hügeln

Herüber weißer Wände Schein,

Die Schritte zu beflügeln.

Es schwieg der Sturm, das Wetter schwand;

Froh, daß es fortgezogen,

Sprang übers ganze Heideland

Der junge Regenbogen.

Die Hügel nahten allgemach;

Die Sonne wies im Sinken

Mir noch von Rohr das braune Dach,

Ließ hell die Fenster blinken.

Am Giebel tanzte wie berauscht

Des Weines grüner Zeiger,

Und als ich freudig hingelauscht,

Hört ich Gesang und Geiger.

Bald kehrt ich ein und setzte mich

Allein mit meinem Kruge;

An mir vorüber drehte sich

Der Tanz im raschen Fluge.

Die Dirnen waren frisch und jung

Und hatten schlanke Leiber,

Gar flink im Drehen, leicht im Sprung,

Die Bursche – waren Räuber.

Die Hände klatschten, und im Takt

Hell klirrt des Spornes Eisen;

Das Lied frohlocket, und es klagt

Schwermütig kühne Weisen.

Ein Räuber singt: »Wir sind so frei,

So selig, meine Brüder!«

Am Jubeln seines Munds vorbei

Schleicht eine Träne nieder.

Der Hauptmann sitzt, auf seinen Arm

Das braune Antlitz senkend,

Er scheint entrückt dem lauten Schwarm,

Wie an sein Schicksal denkend.

Das Feuer seiner Augen bricht

Hindurch die finstern Brauen,

Wie nachts im Wald der Flamme Licht

Durch Büsche ist zu schauen.

Wächst aber Sang und Sporngeklirr

Nun kühner den Genossen,

Seh ich das leere Weingeschirr

Ihn kräftig niederstoßen.

Ein Mädel sitzt an seiner Seit,

Scheint ihn als Kind zu ehren

Und gerne hier der Fröhlichkeit

Des Tanzes zu entbehren.

Auf ihren Reizen ruht sein Blick

Mit innigem Behagen,

Zugleich auf seines Kinds Geschick

Mit heimlichem Beklagen. –

Stets wilder in die Seelen geigt

Nun die Zigeunerbande,

Der Freude süßes Rasen steigt

Laut auf zum höchsten Brande.

Und selbst des Hauptmanns Angesicht

Hat Freude überkommen; –

Da dacht ich an das Hochgericht

Und ging hinaus, beklommen.

Die Heide war so still, so leer,

Am Himmel nur war Leben;

Ich sah der Sterne strahlend Heer,

Des Mondes Völle schweben.

Der Hauptmann auch entschlich dem Haus;

Mit wachsamer Gebärde

Rings horcht' er in die Nacht hinaus,

Dann horcht' er in die Erde,

Ob er nicht höre schon den Tritt

Ereilender Gefahren,

Ob leise nicht der Grund verriet

Ansprengende Husaren.

Er hörte nichts, da blieb er stehn,

Um in die hellen Sterne,

Um in den hellen Mond zu sehn,

Als möcht er sagen gerne:

›O Mond im weißen Unschuldskleid!

Ihr Sterne dort unzählig!

In eurer stillen Sicherheit,

Wie wandert ihr so selig!‹

Er lauschte wieder, – und er sprang

Und rief hinein zum Hause,

Und seiner Stimme Macht verschlang

Urplötzlich das Gebrause.

Doch die Zigeuner blieben hier,

Die feurigen Gesellen,

Und spielten alte Lieder mir

Rakoczys, des Rebellen.

(1827-1831)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag