Nikolaus Lenau
Abendbilder (Nikolaus Lenau)

1

       

Friedlicher Abend senkt sich aufs Gefilde;

Sanft entschlummert Natur, um ihre Züge

Schwebt der Dämmerung zarte Verhüllung, und sie

    Lächelt, die holde;

Lächelt, ein schlummernd Kind in Vaters Armen,

Der voll Liebe zu ihr sich neigt; sein göttlich

Auge weilt auf ihr, und es weht sein Odem

    Über ihr Antlitz.

 

2

Stille wirds im Walde; die lieben kleinen

Sänger prüfen schaukelnd den Ast, der durch die

Nacht dem neuen Fluge sie trägt, den neuen

    Liedern entgegen.

Bald versinkt die Sonne; des Waldes Riesen

Heben höher sich in die Lüfte, um noch

Mit des Abends flüchtigen Rosen sich ihr

    Haupt zu bekränzen.

Und dort blickt der schuldlose Hirt der Sonne

Sinnend nach; dem Sinnenden jetzt entfallen

Flöt und Stab, es falten die Hände sich zum

    Stillen Gebete.

(1822-25)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag