Gottfried August Bürger
Nothgedrungene Epistel des berühmten Schneiders Johannes Schere an seinen großgünstigen Mäcen (Gottfried August Bürger)

des berühmten Schneiders Johannes Schere

an seinen großgünstigen Mäcen.

               

Wie kümmerlich, trotz seiner Göttlichkeit

Sich oft Genie hier unterm Monde nähre,

Beweisen uns die Kepler, die Homere

Und hundert große Geister jeder Zeit

Und jeder Erdenzone weit und breit!

Doch wahrlich nicht zu sonderlicher Ehre

Der undankbaren Menschlichkeit,

Die ihnen späte Dankaltäre

Und Opfer nach dem Tod erst weiht.

Auch mir verlieh durch Schere, Zwirn und Nadel,

Minerva Kunst und nicht gemeinen Adel.

Allein der Lohn für meine Trefflichkeit,

Ist Hungersnoth, ein Haderlumpenkleid,

Ist obenein der schwachen Seelen Tadel,

Und dann einmal, nach Ablauf dürrer Zeit,

Des Namens Ruhm und Ewigkeit.

Allein was hilft's, wenn nach dem Tode

Mich Leichenpredigt oder Ode

Den größten aller Schneider nennt,

Und ein vergoldet Marmormonument

An welchem Schere, Zwirn und Nadel hangen

Und Fingerhut und Bügeleisen prangen,

Der späten Nachwelt dies bekennt?

Wenn lebend mich mein Zeitgenosse

Zu Stalle, gleich dem edeln Rosse

Auf Stroh zu schlafen, von sich stößt

Und nackend gehn und hungern läßt?

Der Stümper, der zu meinen Füßen kreucht,

Beschmitzet zwar mit seines Neides Geifer,

Weil nicht sein Blick an meine Höhe reicht,

Oft meinen Ruhm und schreit, ich sei ein Säufer,

Sei stets bedacht, mein Gütchen zu verthun,

Und lass' indeß die edle Nadel ruhn.

O schnöder Neid! Denn überlegt man's reifer,

Gesetzt den Fall, die Lästerung sei wahr,

So ist dabei doch ausgemacht und klar,

Und es bestätigt dies die Menge der Exempel,

Daß solch ein Zug von je und je im Stempel

Erhabner Genieen war.

Sie binden sich nicht sklavisch an die Regel

Der Lebensart und fahren auf gut Glück

So wie der Wind der Laun' in ihre Segel

Just stoßen mag, bald vorwärts, bald zurück

Und lassen das gemeine Volk laviren.

Sie haben vor den seltnen Wunderthieren

Ein Stärkerrecht, daß man sie sorgsam hegt,

Dankbar bekleidet und verpflegt,

Zu hoch und frei, sich selber zu geniren.

Und wenn der Ueberfluß verkehrter Welt

Oft Affen, Murmelthier' und Raben

Und Kakadu und Papagei erhält,

So sollten sie den Leckerbissen haben,

Der von des Reichen Tische fällt.

Allein wie karg ist die verkehrte Welt

Für ein Genie mit ihren Gaben!

Mich stärkt von deinen Liebesthaten

So manches Beispiel im Vertraun.

Du kannst, du wirst am besten mich berathen.

So borge denn mir für ein bessres Kleid

Zu Schutz und Trutz in dieser rauhen Zeit

Nur einen lumpigen Dukaten!

Mit Dank bin ich ihn jederzeit

Durch künstliche, durch dauerhafte Nahten

Abzuverdienen gern bereit.

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.