Gottfried August Bürger
Lieb' und Lob der Schönen (Gottfried August Bürger)

         

Ich will das Herz mein Leben lang

An Lieb' und Lob der Schönen

Und meine Laute, meinen Sang

An Lieb' und Lob gewöhnen.

Denn lange, lange hat es schon

Anakreon erprobet:

Nichts bringt dem Sänger süßern Lohn,

Als wenn er liebt und lobet.

Wer sich auf Lieb' und Lob versteht,

Auf Lieb' und Lob der Mädchen,

Der ist und bleibt der Leibpoet

An Putztisch, Rahm und Rädchen.

Wolan, o Laute, stimme dich

Zu Lob- und Liebessange!

Kein Mädchenherz verschließe sich

Vor deinem Zauberklange.

Man wird für diesen Wohlgenuß

Gar lieblich Dank mir nicken;

Auch werden Händedruck und Kuß

Nicht selten mich erquicken.

Es wird mir manche schöne Hand

Ein Pfand der Huld verleihen,

Bald wird sie mir ein Busenband,

Bald eine Locke weihen.

Beim Spiel und Tanze werden mir

Die Schönsten immer winken,

Und die ich fordre, werden schier

Sich mehr als andre dünken.

Geliebt, geehrt bis an mein Ziel,

Von einer Flur zur andern

Werd' ich mit Sang und Lautenspiel

Herbeigerufen wandern.

Und wann ich längst zur Ruhe bin

Und unter Ulmen schlafe,

So weidet gern die Schäferin

Noch um mein Grab die Schafe.

Sie senkt gelehnt auf ihren Stab,

Ihr Auge, feucht von Schmerzen,

Auf meines Hügels Moos herab

Und klagt aus vollem Herzen:

»Du, der so holde Lieder schuf,

So holde, süße Lieder!

O weckte dich mein lauter Ruf

Aus deinem Grabe wieder!

»Du würdest mich nach deinem Brauch

Gewiß ein wenig preisen;

Dann hätt' ich bei den Schwestern auch

Ein Liedchen aufzuweisen.

»Dein Schmeichelliedchen säng' ich dann,

Sollt' auch die Mutter schelten.

O lieber, süßer Leiermann,

Wie wollt' ich's dir vergelten!«

Wird durch des Wiesenbaches Rohr

Und Blätter, sie sich kräuseln,

Ein Lied in ihr entzücktes Ohr

Zu Lob und Liebe säuseln.

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.