Gottfried August Bürger
Graf Walter (Gottfried August Bürger)

Nach dem Altengländischen.

           

Graf Walter rief am Marstallsthor:

»Knapp', schwemm' und kämm' mein Roß!«

Da trat ihn an die schönste Maid,

Die je ein Graf genoß.

»Gott grüße dich, Graf Walter, schön!

Sieh her, sieh meinen Schurz!

Mein goldner Gurt war sonst so lang,

Nun ist er mir zu kurz.

Mein Leib trägt deiner Liebe Frucht.

Sie pocht, sie will nicht ruhn.

Mein seidnes Röckchen, sonst so weit,

Zu eng' ist mir es nun.«

»O Maid, gehört mir, wie du sagst,

Gehört das Kindlein mein,

So soll all, all mein rothes Gold

Dafür dein eigen sein.

O Maid, gehört mir, wie du schwörst,

Gehört das Kindlein mein,

So soll mein Land und Leut' und Burg

Dein und des Kindleins sein.« –

»O Graf, was ist für Lieb' und Treu'

All, all dein rothes Gold?

All, all dein Land und Leut' und Burg

Ist mir ein schnöder Sold.

Ein Liebesblick aus deinem Aug',

So himmelblau und hold,

Gilt mir, und wär' es noch so viel,

Für all dein rothes Gold.

Ein Liebeskuß von deinem Mund,

So purpurroth und süß,

Gilt mir für Land und Leut' und Burg,

Und wär's ein Paradies.« –

»O Maid, früh morgen trab' ich weit

Zu Gast nach Weißenstein,

Und mit mir muß die schönste Maid,

Wol auf, wol ab am Rhein.« –

»Trabst du zu Gast nach Weißenstein,

So weit schon morgen früh,

So laß, o Graf, mich mit dir gehn,

Es ist mir kleine Müh'.

Bin ich schon nicht die schönste Maid,

Wol auf, wol ab am Rhein:

So kleid' ich mich in Bubentracht,

Dein Leibbursch dort zu sein.« –

»O Maid, willst du mein Leibbursch sein

Und heißen Er statt Sie,

So kürz' dein seidnes Röcklein dir

Halb zollbreit überm Knie.

So kürz' dein goldnes Härlein dir

Halb zollbreit über'm Aug'!

Dann magst du wol mein Leibbursch sein;

Denn also ist es Brauch.«

Beiher lief sie den ganzen Tag,

Beiher im Sonnenstrahl;

Doch sprach er nie so hold ein Wort:

Nun, Liebchen, reit' einmal!

Sie lief durch Haid- und Pfriemenkraut,

Lief barfuß neben an;

Doch sprach er nie so hold ein Wort:

O Liebchen, schuh' dich an! –

»Gemach, gemach, du trauter Graf!

Was jagst du so geschwind'?

Ach, meinen armen, armen Leib

Zersprengt mir sonst dein Kind.« –

»Ho, Maid, siehst du das Wasser dort,

Dem Brück' und Steg gebricht?« –

»O Gott, Graf Walter, schone mein!

Denn schwimmen kann ich nicht.«

Er kam zum Strand, er setzt' hinein,

Hinein bis an das Kinn.

»Nun steh mir Gott im Himmel bei!

Sonst ist dein Kind dahin.« –

Sie rudert wol mit Arm und Bein,

Hält hoch empor ihr Kinn.

Graf Waltern pochte hoch das Herz;

Doch folgt' er seinem Sinn.

Und als er über'm Wasser war,

Rief er sie an sein Knie:

»Komm her, o Maid, und sieh, was dort

Was fern dort funkelt, sieh!

Siehst du wol funkeln dort ein Schloß,

Im Abendstrahl wie Gold?

Zwölf schöne Jungfraun spielen dort.

Die Schönste ist mir hold.

Siehst du wol funkeln dort das Schloß,

Aus weißem Stein erbaut?

Zwölf schöne Jungfraun tanzen dort.

Die Schönst' ist meine Braut.« –

»Wol funkeln seh' ich dort ein Schloß

Im Abendstrahl wie Gold.

Gott segne, Gott behüte dich

Sammt deinem Liebchen hold!

Wol funkeln seh' ich dort das Schloß,

Aus weißem Stein erbaut.

Gott segne, Gott behüte dich

Sammt deiner schönen Braut!« –

Sie kamen wol zum blanken Schloß,

Wie Gold im Abendstrahl;

Zum Schloß, erbaut aus weißem Stein,

Mit stattlichem Portal.

Sie sahn wol die zwölf Jungfraun schön;

Sie spielten lustig Ball.

Die zwölfmal schöner war als sie,

Zog still ihr Roß zu Stall.

Sie sahn wol die zwölf Jungfraun schön;

Sie tanzten froh um's Schloß.

Die zwölfmal schöner war als sie,

Zog still zur Weid' ihr Roß.

Des Grafen Schwester, wundersvoll,

Gar wundersvoll sprach sie:

»Ha, welche ein Leibbursch! Nein, so schön

War nie ein Leibbursch! Nie!

Ha, schöner als ein Leibbursch je

Des höchsten Herrn gepflegt!

Nur daß sein Leib, zu voll und rund,

So hoch den Gürtel trägt!

Mir däucht, wie meiner Mutter Kind,

Lieb' ich ihn zart und rein.

Dürft' ich, so räumt' ich wol zu Nacht

Gemach und Bett ihm ein.«

»Dem Bürschchen, rief Her Walter stolz,

Das lief durch Koth und Moor,

Ziemt nicht der Herrin Schlafgemach,

Ihr Bett nicht von Drapd'or.

Ein Bürschchen, das den ganzen Tag

Durch Koth lief und durch Moor,

Speist wol sein Nachtbrod von der Faust

Und sinkt am Herd auf's Ohr.«

Nach Vespermahl und Gratias

Ging Jedermann zur Ruh.

Da rief Graf Walter: »Hier mein Bursch!

Was ich dir sag', das thu!

Hinab! geh flugs hinab zur Stadt,

Geh alle Gassen durch!

Die schönste Maid, die du ersiehst,

Bescheide flugs zur Burg!

Die schönste Maid, die du ersiehst,

All säuberlich und nett

Von Fuß zu Haupt, von Haupt zu Fuß,

Die wirb mir für mein Bett!« –

Und flugs ging sie hinab zur Stadt

Ging alle Gassen durch.

Die schönste Maid, die sie ersah,

Beschied sie flugs zur Burg.

Die schönste Maid, die sie ersah,

All säuberlich und nett

Von Fuß zu Haupt, von Haupt zu Fuß,

Die warb sie ihm für's Bett. –

»Nun laß, o Graf, am Bettfuß nur

Mich ruhn bis an den Tag!

Im ganzen Schloß ist sonst kein Platz,

Woselbst ich rasten mag.«

Auf seinen Wink am Bettfuß sank

Die schönste Maid dahin

Und ruhte bis zum Morgengrau

Mit stillem frommem Sinn. –

»Hallo! Hallo! Es tönet bald

Des Hirten Dorfschalmei.

Auf, fauler Leibbursch! Gib dem Roß,

Gib Hafer ihm und Heu!

Bursch, goldnen Haber gib dem Roß

Und frisches, grünes Heu!

Damit es rasch und wohlgemuth,

Mich heimzutragen, sei.« –

Sie sank wol an die Kripp' im Stall;

Ihr Leib war ihr so schwer.

Sie krümmte sich auf rauhem Stroh

Und wimmert', o wie sehr!

Da fuhr die alte Gräfin auf,

Erweckt vom Klageschall:

»Auf, auf, Sohn Walter, auf und sieh!

Was ächzt in deinem Stall?

In deinem Stalle haust ein Geist

Und stöhnt in Nacht und Wind.

Es stöhnet, als gebäre dort

Ein Weiblein jetzt ihr Kind.« –

Hui sprang Graf Walter auf und griff

Zum Haken an der Wand

Und warf um seinen weißen Leib

Das seidne Nachtgewand.

Und als er vor die Stallthür trat,

Lauscht' er gar still davor.

Das Ach und Weg der schönsten Magd

Schlug kläglich an sein Ohr.

Sie sang: »Susu, lullull mein Kind!

Mich jammert deine Noth.

Susu, lullull, susu, lieb Lieb!

O weine dich nicht todt!

Sammt deinem Vater schreibe Gott

Dich in sein Segensbuch!

Werd' ihm und dir ein Purpurkleid

Und mir ein Leichentuch!«

O nun, o nun, süß süße Maid,

Süß süße Maid, halt ein!

Es soll ja Tauf' und Hochzeit nun

In einer Stunde sein.«

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.