Gottfried August Bürger
Die Nachtfeier der Venus (Gottfried August Bürger)

1. Vorgesang.

       

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Unter Wonnemelodien

Ist der junge Lenz erwacht.

Seht, wie froh den Phantasieen

Neuer Lust sein Auge lacht!

Golden über Thal und Hügel,

Blau und golden schwebet er;

Wohlgefühle wehn die Flügel

Milder Winde vor ihm her.

Wolken hinter ihm verleihen,

Tränkend Wiese, Hain und Flur,

Labsal, Nahrung und Gedeihen

Jedem Kinde der Natur.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Lieb' und Gegenliebe paaret

Dieses Gottes Freundlichkeit.

Ihre Nektarfülle sparet

Liebe für die Blütenzeit.

Was auf Erden, was in Lüften

Lebensodem in sich hegt,

Wird von frischen Würzedüften

Zum Verlangen aufgeregt.

Selbst die Sehnsucht, die erkaltet,

Die erstorben war, entglüht,

Wann die Knospe sich entfaltet,

Wann die Hyacinthe blüht.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Heller, golden, rosenröther

Bricht uns dieser Morgen an

Als das erste Licht, da Aether

Mutter Tellus liebgewann,

Da sie von dem hehren Gatten

Floren und den Lenz empfing,

Und der erste Maienschatten

Um die schönsten Kinder hing.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Hoch im Lichte jener Scene

Wand aus Amphitritens Schooß

Cypris Anadyomene

Sanft die schönen Glieder los.

Ahnend, welch ein Wunder werde,

Welche ein Götterwerk aus Schaum,

Träumten Himmel, Meer und Erde

Tief der Wonne süßen Traum.

Als sie, hold in sich gebogen,

In der Perlenmuschel stand,

Wiegten sie entzückte Wogen

An des Ufers Blumenrand.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

 

2. Weihgesang.

Auf, und stimmt zu Cypris' Feier,

Stimmt ihn an, den Weihgesang!

Töne drein, gewölbte Leier!

Hall' am Felsen, Widerklang!

Morgen ziehn sie ihre Tauben

Feierlich in unsern Hain,

Und die höchste seiner Lauben

Nimmt sie als ihr Tempel ein;

Morgen sitzt sie hier zu Throne,

Morgen blinkt ihr Richterstab;

Wie zur Strafe, so zum Lohne

Spricht sie mildes Recht herab.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Eilt, den Thron ihr zu erheben,

Eilt in froher Harmonie!

Blumenschmuck soll Flora weben,

Flora, blumenreich durch sie.

Spend', o Göttin, jede Blume,

Die auf deinen Beeten lacht,

Spende zu des Festes Ruhme

Deine ganze Farbenpracht.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Sammt den Charitinnen waltet

Neben ihr zugleich ihr Sohn.

Festlich, Hand in Hand gefaltet,

Stehn wir um den Götterthron.

Alle Nymphen sind geladen.

Nymphen aus Gefild' und Hain,

Oreaden und Najaden

Werden um die Göttin sein.

Liebevoll von ihr berufen,

Huldigt Alles seiner Pflicht,

Knie an Knie erfüllt die Stufen

Um das hohe Throngericht.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Ha, wie froh heran zum Feste

Schon der Nymphen Schaaren ziehn!

Amor grüßt mit Huld die Gäste;

Doch die Gäste meiden ihn. –

Nymphen, die sein Köcher schreckte,

Seht ihr nicht, was Amor that,

Daß er Wehr und Waffen streckte,

Daß er sich in Frieden naht?

Heut' entwaffnen ihn Gesetze,

Die er achtet, die er scheut,

Daß er nicht ein Herz verletze,

Wenn es gleich ihm Blöße beut.

Aber weislich, Nymphen, brüstet

Ihr euch nicht, und scheut ihn doch;

Denn den Waffenlosen rüstet

Seine ganze Schönheit noch.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Nymphen, rein wie du an Sitte,

Du, o keusche Delia,

Sendet dir mit Gruß und Bitte

Venus Amathusia;

Unsern Feierhain beflecke

Morgen weder Blut noch Mord,

Deiner Jagd Getöse schrecke

Nicht des Hains Bewohner fort!

Selber wäre sie erschienen,

Selber hätte sie gefleht;

Doch sie scheute deiner Mienen,

Deines Ernstes Majestät.

Weiche bei Aurorens Scheine!

Venus Amathusia

Walt' allein in diesem Haine!

Weich', o keusche Delia!

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Freundlich von Gesicht und Herzen,

Lüde sie auch dich mit ein,

Freut' es dich, der Liebe Scherzen,

Ernste Jungfrau, dich zu weihn;

Freut' es dich, von Jubelchören

Drei geweihte Nächte lang

Aphroditens Lob zu hören

Und beglückter Herzen Dank;

Freut' es dich, in Wirbelreigen

Paar an Paar uns munter drehn

Und, umhüllt von Myrtenzweigen,

Liebetraulich ruhn zu sehn.

Denn den Helden, der am Indus

Vom bezähmten Pardel stritt,

Ceres und den Gott von Pindus

Lud die Göttin freundlich mit.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

 

3. Lobgesang.

Ha! Schon naht der Tag der Feier!

Auf, beginnt den Lobgesang!

Töne drein, geweihte Leier!

Hall' am Felsen, Widerklang! –

Aphroditens Hauch durchdringet

Bis zur leeren Aetherflur,

Wo die letzte Sphäre klinget,

Jeden Puls der Weltnatur.

Ewig weht er, fort zu nähren

Jene wunderbare Kraft,

Die durch Zeugen und Gebären

Ewig neue Wesen schafft.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Wie die Braut an Hymens Feste

Prangt durch sie die Frühlingsflur.

Blüte ziert des Baumes Aeste

Wie Rubin und Perlenschnur.

Bellis, Primel, Maienglocke,

Purpurklee und Thymian,

Crocus mit der goldnen Locke

Schmücken Feld- und Wiesenplan.

Auf dem Gartenbeet entfaltet

Sie der Tulpe Prachtgewand;

Aber holder noch gestaltet

Dich, o Rose, Cypris' Hand;

Ihrer zarten Dornenwunde

Dankest du dein sanftes Roth,

Deinen Duft dem süßen Munde,

Klagend um Adonis' Tod.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Sie beglückt, was im Gefilde,

Sie, was Odem zieht im Hain.

Wie der Heerde, so dem Wilde

Flößt sie ihr Entzücken ein.

Wohl gedeiht die Lust der Gatten,

Wohl durch sie im Mutterschooß;

Ohne Weh im Myrtenschatten

Windet sich ihr Segen los;

Denn es war die Flur der Hirten

Alte Sage macht es wahr –,

Wo sie selber unter Myrten

Ihren Amor uns gebar.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Sie erlöst' Anchisens Laren,

Als die Glut sein Haus umfing,

Sie aus tausend Meergefahren,

Was der Flammenwuth entging.

Sie erwarb dem biedern Sohne

Fern von Troja Weib und Land.

Rheens unentweihte Zone

Löste sie durch Mavors' Hand.

Heil durch Liebesbund und Frieden,

Gegen Rächerzorn und Macht,

Schenkte sie den Romuliden

Zur geraubten Freudennacht.

Roma, deine Tapferthäter,

Wunder für der Nachwelt Ohr,

Deine weisen edeln Väter

Gingen all' aus ihr hervor.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Schall', o Maigesang! Erschalle,

Cythereens Hochgesang!

Thal und Hügel feiern alle,

Wald und Flur sind Feierklang.

Horch! Der Heerde Jubellaute

Schallen dort vom Anger ihr;

Leiser tönt im Heidekraute

Reger Bienen Chorlied hier.

Lärmen ruft das Hausgefieder

Ihr vom Weiher Dank empor,

Und die Vögel edler Lieder

Opfern Wohllaut ihrem Ohr.

Schmelzend flötet Philomele

Tief im dunkeln Pappelhain.

Liebe tönt aus ihrer Seele;

Klage kann ihr Lied nicht sein.

Längst ist Tereus' Wuth vergessen,

Längst vergessen ihr Verlust.

Maigefühl und Liebe pressen

Sanfter ihre zarte Brust.

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

    Morgen liebe, was bis heute

    Nie der Liebe sich gefreut!

    Was sich stets der Liebe freute,

    Liebe morgen wie bis heut!

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.