Gottfried August Bürger
Der Bruder Graurock und die Pilgerin (Gottfried August Bürger)

       

Ein Pilgermädel, jung und schön,

Wallt' auf ein Kloster zu.

Sie zog das Glöcklein an dem Thor,

Und Bruder Graurock trat hervor,

Halb barfuß ohne Schuh.

Sie sprach: »Gelobt sei Jesus Christ!« –

»In Ewigkeit!« sprach er.

Gar wunderseltsam ihm geschah,

Und als er ihr ins Auge sah,

Da schlug sein Herz noch mehr.

Die Pilgerin mit leisem Ton,

Voll holder Schüchternheit:

»Ehrwürdiger, o meldet mir,

Weilt nicht mein Herzgeliebter hier

In Klostereinsamkeit?« –

»Kind Gottes, wie soll kenntlich mir

Dein Herzgeliebter sein?« –

»Ach! An dem gröbsten härnen Rock,

An Geisel, Gurt und Weidenstock,

Die seinen Leib kastein.

Noch mehr an Wuchs und Angesicht,

Wie Morgenroth im Mai,

Am goldnen Ringellockenhaar,

Am himmelblauen Augenpaar,

So freundlich, lieb und treu.« –

»Kind Gottes, o wie längst dahin,

Längst todt und tief verscharrt!

Das Gräschen säuselt drüber her;

Ein Stein von Marmel drückt ihn schwer;

Längst todt und tief verscharrt!

Siehst dort, in Immergrün verhüllt,

Das Zellenfenster nicht?

Da wohnt' und weint' er und verkam

Durch seines Mädels Schuld, vor Gram,

Verlöschend wie ein Licht.

Sechs Junggesellen, schlank und fein,

Bei Trauersang und Klang,

Selbst trugen seine Bahr' an's Grab,

Und manche Zähre rann hinab,

Indem sein Sarg versank.« –

»O weh! O weh! So bist du hin?

Bist todt und tief verscharrt? –

Nun brich, o Herz, die Schuld war dein!

Und wärst du wie sein Marmelstein,

Wärst dennoch nicht zu hart.«

»Geduld, Kind Gottes, weine nicht!

Nun bete desto mehr!

Vergebner Gram zerspellt das Herz;

Das Augenlicht verlischt von Schmerz;

Drum weine nicht so sehr!« –

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!

Verdamme nicht mein Leid!

Denn meines Herzens Lust war er;

So lebt und liebt kein Jüngling mehr

Auf Erden weit und breit.

Drum laß mich weinen immerdar

Und seufzen Tag und Nacht,

Bis mein verweintes Auge bricht

Und lechzend meine Zunge spricht:

Gottlob! Nun ist's vollbracht!« –

»Geduld, Kind Gottes, weine nicht!

O seufze nicht so sehr!

Kein Thau, kein Regentrank erquickt

Ein Veilchen, das du abgepflückt,

Es welkt und blüht nicht mehr.

Huscht doch die Freud' auf Flügeln, schnell

Wie Schwalben, vor uns hin.

Was halten wir das Leid so fest,

Das, schwer wie Blei, das Herz zerpreßt?

Laß fahren! Hin ist hin!«

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!

Gib meinem Gram kein Ziel!

Und litt' ich um den lieben Mann,

Was nur ein Mädchen leiden kann,

Nie litt' ich doch zu viel. –

So seh' ich ihn nun nimmermehr?

O weh! nun nimmermehr? –

Nein! Nein! Ihn birgt ein düstres Grab;

Es regnet drauf und schneit herab,

Und Gras weht drüber her. –

Wo seid ihr Augen, blau und klar,

Ihr Wangen, rosenroth,

Ihr Lippen, süß wie Nelkenduft? –

Ach! Alles modert in der Gruft,

Und mich verzehrt die Noth.«

»Kind Gottes, härme so dich nicht!

Und denk', wie Männer sind!

Den meisten weht's aus einer Brust

Bald heiß, bald kalt; sie sind zur Lust

Und Unlust gleich geschwind.

Wer weiß, trotz deiner Treu' und Huld

Hätt' ihn sein Loos gereut,

Dein Liebster war ein junges Blut

Und junges Blut hegt Wankelmuth

Wie die Aprillenzeit.«

»Ach nein, Ehrwürdiger, ach nein!

Sprich dieses Wort nicht mehr!

Mein Trauter war so lieb und hold,

War lauter, ächt, und treu wie Gold

Und aller Falschheit leer.

Ach! Ist es wahr, daß ihn das Grab

Im dunkeln Rachen hält?

So sag' ich meiner Heimat ab

Und setze meinen Pilgerstab

Fort durch die weite Welt.

Erst aber will ich hin zur Gruft;

Da will ich niederknien;

Da soll von Seufzerhauch und Kuß

Und meinem Tausendthränenguß

Das Gräschen frischer blühn.«

»Kind Gottes, kehr' allhier erst ein,

Daß Ruh' und Kost dich pflegt.

Horch! wie der Sturm die Fahnen trillt

Und kalter Schloßenregen wild

An Dach und Fenster schlägt.«

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!

O halte mich nicht ab!

Mag's sein, daß Regen mich befällt!

Wäscht Regen aus der ganzen Welt

Doch meine Schuld nicht ab.« –

»Heida! Fein's Liebchen, nun kehr' um!

Bleib hier und tröste dich!

Fein's Liebchen, schau' mir in's Gesicht! –

Kennst du den Bruder Graurock nicht?

Dein Liebster, ach! – bin ich.

Aus hoffnungslosem Liebesschmerz

Erkor ich dies Gewand.

Bald hätt' in Klostereinsamkeit

Mein Leben und mein Herzeleid

Ein hoher Schwur verbannt.

»Gottlob! Gottlob! Nun fahre hin

Auf ewig Gram und Noth!

Willkommen! o willkommen, Lust!

Komm, Herzensjung', an meine Brust!

Nun scheid' uns Nichts als Tod!«

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.