Gottfried August Bürger
Das hohe Lied von der Einzigen, m Geist und Herzen empfangen am Altare der Vermählung (Gottfried August Bürger)

im Geist und Herzen empfangen am Altare der Vermählung.

Se tu avessi ornamenti, quant' hai voglia,

Potresti arditamente

Uscir del osco e gir infra la gente.

Petrarca.            

 

       

Hört von meiner Auserwählten,

Höret an mein schönstes Lied!

Ha, ein Lied des Neubeseelten

Von der süßen Anvermählten,

Die ihm endlich Gott beschied!

Wie aus hoffnungslosen Banden,

Wie aus Nacht und Moderduft

Einer tiefen Kerkergruft

Fühlt er froh sich auferstanden

Zu des Frühlings Licht und Luft.

Diademe, Purpurzonen,

Demantringe hab' ich nicht;

Hätte gleich, ihr voll zu lohnen,

Schmuck, erkauft für Millionen,

Ein genügendes Gewicht.

Was ich habe, will ich geben.

Ihren Namen, den mein Lied

Lange zu verrathen mied,

Will ich in ein Licht erheben,

Welches keine Nacht umzieht.

Schweig', o Chor der Nachtigallen!

Mir nur lausche jedes Ohr!

Murmelbach, hör' auf zu wallen!

Winde, laßt die Flügel fallen,

Rasselt nicht durch Laub und Rohr!

Halt' in jedem Elemente,

Halt' in Garten, Hain und Flur

Jeden Laut, der irgendnur

Meine Feier stören könnte,

Halt' den Odem an, Natur!

Glorreich wie des Aethers Bogen,

Weich gefiedert wie der Schwan,

Auf des Wohllauts Silberwogen

Majestätisch fortgezogen,

Wall', o Lied, des Ruhmes Bahn!

Denn hinab bis zu den Tagen,

Die der letzte Hauch erlebt,

Der von deutscher Lippe schwebt,

Sollst du deren Adel tragen,

Welche mich zum Gott erhebt.

Jubelvoll auch offenbaren

Sollst du dessen Göttermuth,

Der entrückt nun den Gefahren,

Wie Ulyß nach zwanzig Jahren,

In der Wünsche Heimat ruht.

Sturm und Woge sind entschlafen,

Die durch Zonen, kalt und feucht,

Dürr und glühend, ihn gescheucht.

Seines Wonnelandes Hafen

Hat der Dulder nun erreicht.

Seine Stärke war gesunken;

Lechzend hing die Zung' am Gaum;

Alles Oel war ausgetrunken,

Und des Lebens letzter Funken

Glimmt' am dürren Dochte kaum.

Da zerriß die Wolkenhülle

Wie durch Zauberwort und -Schlag.

Heiter lacht' ein blauer Tag

Auf die schöne Segensfülle,

Welche duftend vor ihm lag.

Wonne weht von Thal und Hügel,

Weht von Flur und Wiesenplan,

Weht vom glatten Wasserspiegel,

Wonne weht mit weichem Flügel

Des Piloten Wangen an,

Wonne, deren Vollgenusse

Kein tyrannisches Verbot

Hinterher mit Seelennoth

Oder Sturm und Regengusse

Strafender Gewitter droht.

Nah in diesem Lustgefilde,

Allen seinen Wünschen nah,

Waltet mit des Himmels Milde,

Nach der Gottheit Ebenbilde,

Adonid'-Urania.

Froh hat sie ihn aufgenommen

In der Labungsregion,

Ihn, des Kummers müden Sohn,

Froh mit lieblichem Willkommen

In Aëdon's Flötenton.

Ach, in ihren Feenarmen

Nun zu ruhen ohne Schuld,

An dem Busen zu erwarmen,

An dem Busen voll Erbarmen,

Voller Liebe, Treu' und Huld:

Das ist süßer, als der Kette,

Süßer als der Geierpein

An Prometheus' rauhem Stein,

Auf der Ruhe Flaumenbette

Durch ein Wort entrückt zu sein.

Ist es wahr, was mir begegnet,

Oder Traum, der mich bethört,

Wie er oft den Armen segnet

Und ihm goldne Berge regnet,

Die ein Hahnenruf zerstört?

Darf ich's glauben, daß die Eine,

Die sich selbst in mir vergißt,

Den Vermählungskuß mir küßt?

Daß die Herrliche die Meine

Ganz vor Welt und Himmel ist?

Hohe Namen zu erkiesen,

Ziemt dir wohl, o Lautenspiel!

Die wird Die zu hoch gepriesen,

Die so herrlich sich erwiesen,

Herrlich ohne Maß und Ziel,

Daß sie, trotz dem Hohngeschreie,

Trotz der Hoffnung Untergang,

Gegen Sturm und Wogendrang

Mir gehalten Lieb' und Treue

Mehr als hundert Monden lang.

Und warum, warum gehalten?

Hatt' ich etwas Krösus' Thron,

Krösus' Schätze zu verwalten?

Prangt' ich unter Mannsgestalten

Herrlich wie Latonens Sohn?

War ich Herzog großer Geister,

Strahlend in dem Kranz von Licht,

Den die Hand der Fama flicht?

War ich holder Künste Meister? –

Ach, Das alles war ich nicht!

Zwar – ich hätt' in Jünglingstagen,

Mit beglückter Liebe Kraft

Lenkend meinen Kämpferwagen,

Hundert mit Gesang geschlagen,

Tausende mit Wissenschaft;

Doch des Herzens Loos, zu darben,

Und der Gram, der mich verzehrt,

Hatten Trieb und Kraft zerstört.

Meiner Palmen Keime starben,

Eines mildern Lenzes werth.

Sie, mit aller Götter Gnaden

Hoch an Seel' und Leib geschmückt,

Schön und werth, Alcibiaden

Zur Umarmung einzuladen,

Hätt' ein Beßrer leicht beglückt.

Sie vor ihren Schwestern allen

Hätte Hymens Huld umschwebt

Und ein Leben ihr gewebt,

Wie es in Kronions Hallen

Hebe mit Alciden lebt.

Dennoch, ohne je zu wanken,

Wo auch Liebe sinken läßt,

Hielt sie an dem armen Kranken

So mit Wünschen und Gedanken

Wie mit ihren Armen fest.

Liebend, voller Kümmernisse,

Daß der Eumeniden Schaar,

Die um ihn gelagert war,

Nicht in Höllenglut ihn risse,

Bot sie sich zum Schirme dar. –

Macht in meiner Schuld, o Saiten,

Ihrer Tugend Adel kund!

Wahrheit knüpfe, des geweihten

Lautenschlägers Hand zu leiten,

Mit Gerechtigkeit den Bund!

Manche Tugend mag er missen;

Aber du, Gerechtigkeit,

Warst ihm heilig jederzeit.

Nein! Mit Willen und mit Wissen

Hat er nimmer dich entweiht.

Ruf' es laut aus voller Seele:

Schuldlos war ihr Herz und Blut!

Welches Ziel die Rüge wähle,

O so trifft sie meine Fehle,

Fehle meiner Liebeswuth!

Geißle mich des Hartsinns Tadel!

Wölke sich ob meiner Schuld

Selbst die Stirne milder Huld!

Büß' ich nur für ihren Adel,

O so büß' ich mit Geduld.

Ach, sie strebte, sich zu schirmen,

Strebte, – das ist Gott bewußt!

Doch was konnte sie den Stürmen

Meiner Lieb' entgegenthürmen,

Was den Flammen meiner Brust?

Nur in Plutons grausen Landen

Hätten mit der Brust von Erz,

Taub für Lust und taub für Schmerz,

Unholdinnen widerstanden:

Nicht der Holdin weiches Herz.

Unglückssohn, warum entflammte

Deinem Busen solche Glut?

Sprich, woher, woher sie stammte,

Welches Dämons Macht verdammte,

Frevler, dich zu solcher Wuth? –

Eitle Frage! Nimm, Gesunder,

Nimm mein Herz und meinen Sinn

Ohne dieses Fieber hin!

Staune dann noch oh dem Wunder,

Wie ich Dieser war und bin.

Nimm mein Auge hin und schaue,

Schau' in ihres Auges Licht!

Ah, das klare, himmelblaue,

Das so heilig sein »Vertraue

Meinem Himmelssinne!« spricht.

Sieh die Blüte dieser Wange!

Lustverheißend winke dir

Dieser Lippe Frucht wie mir!

Und dein heißer Durst verlange

Nie gelabt zu sein von ihr!

Sieh, o Blöder, auf und nieder,

Sieh mit meinem Sinn den Bau

Und den Einklang ihrer Glieder!

Wende dann das Auge wieder!

Sprich: »Ich sah nur eine Frau!«

Sieh das Leben und das Weben

Dieser Graziengestalt,

Sieh es ruhig an und kalt!

Fühle nicht das Wonnebeben

Vor der Anmuth Allgewalt!

Hat die Milde der Kamönen

Gütig dir ein Ohr verliehn,

Aufgethan den Zaubertönen,

Die in's Freudenmeer des Schönen

Seelen aus den Busen ziehn,

O so neig' es ihrer Stimme,

Und es ist um dich gethan;

Deine Seele faßt ein Wahn,

Daß sie in der Flut verglimme,

Wie ein Funk' im Ocean.

Nahe dich dem Taumelkreise,

Wo ihr Liebesodem weht,

Wo ihr warmes Leben leise,

Nach Magnetenstromes Weise,

Dir an Leib und Seele geht;

Wo die letzten der Gedanken,

Wo in ein Gefühl hinein

Sich verschmelzen Dein und Mein, –

Ha, aus diesen Zauberschranken

Rette dich und bleibe dein! –

Doch – dein Auge blickt bedenklich

Und ich ahne, was es schilt.

Irdisch nennt es und vergänglich,

Was mit Lust so überschwenglich

Nur der Sinne Hunger stillt. –

Wohl! – Verachtend mag es schelten,

Was aus Erde sich erhebt

Und zur Erde wieder strebt.

Nur der Himmelsgeist soll gelten,

Der den Erdenstoff belebt.

Ach, nur ein, nur ein Mal strahle

Ihn, der mich nicht fassen kann,

Wesen aus dem Göttersaale,

Nur von fern und ein Mal an! –

Lebensgeist, von Gott gehauchet,

Odem, Wärme, Licht zu Rath,

Kraft zu jeder Edelthat,

Selig, was nicht dich sich tauchet,

Frommer Wünsche Labebad!

Schmeichelflut der Vorgefühle

Hoher Götterlust schon hier

Wallet oft, bei Frost und Schwüle,

Wie mit Wärme so mit Kühle,

Lieblich um den Busen mir.

Fühlet wol ein Gottesseher,

Wann sein Seelenaug' entzückt

In die bessern Welten blickt,

Fühlt er seinen Busen höher,

Unaussprechlicher beglückt?

O der Wahrheit, o der Güte,

Rein wie Perlen, ächt wie Gold!

O der Sittenanmuth! Blühte

Je im weiblichen Gemüthe

Jeder Tugend Reiz so hold? –

Hinter sanfter Hügel Schirme,

Wo die Purpurbeere reift

Und der Liebe Nektar träuft,

Hat kein Fittich böser Stürme

Dies Elysium bestreift.

Da vergiftet Nichts die Lüfte,

Nichts den Sonnenschein und Thau,

Nichts die Blum' und ihre Düfte;

Da sind keine Mördergrüfte,

Da beschleicht kein Tod die Au';

Da berückt dich keine Schlange,

Zwischen Moos und Klee versteckt,

Da umschwirrt dich kein Insekt,

Keins, das deiner Brust und Wange

Ruh' und Heiterkeit entneckt.

Alle deine Wünsche brechen

Ihre Früchte hier in Ruh;

Milch und Honig fließt in Bächen,

Töne wie vom Himmel sprechen

Labsal dir und Segen zu. –

Doch mein Lied fühlt sich verlassen

In so hoher Region,

Lange weigern sie sich schon,

Das Unsägliche zu fassen,

Bild, Gedanke, Wort und Ton. –

Er, dem sie die Götter schufen

Zur Genossin seiner Zeit,

Ist vor aller Welt berufen,

Zu erobern alle Stufen

Höchster Erdenseligkeit.

Ihm gedeihn des Glückes Saaten;

Seinem Wunsch ist jedes Heil,

Ehre, Macht und Reichthum feil;

Denn zu tausend Wunderthaten

Wird Vermögen ihm zutheil.

Durch den Balsam ihres Kusses

Höhnt das Leben Sarg und Grab.

Stark im Segen des Genusses,

Gibt's der Flut des Zeitenflusses

Keine seiner Blüten ab.

Rosicht hebt es sich und golden

Wie des Morgens lichtes Haupt,

Seiner Jugend nie beraubt,

Aus dem Bette dieser Holden,

Mit verjüngtem Schmuck umlaubt.

Erd' und Himmel! Eine solche

Sollt' ich nicht mein eigen sehn?

Ueber Nattern weg und Molche,

Mitten hin durch Pfeil und Dolche

Konnt' ich stürmend nach ihr gehn.

Mit der Stimme der Empörung

Konnt' ich furchtbar: Sie ist mein!

Gegen alle Mächte schrein;

Tempel lieber der Zerstörung,

Eh' ich ihrer mißte, weihn. –

Ihrer Liebe Nektar missen,

Hieß in dürren Wüstenein

Einsam mich verlassen wissen

Und den Tod erschmachten müssen

In des Durstes heißer Pein. –

Läßt die Strebekraft sich dämpfen,

Wenn wir dann, so weit wir sehn,

Nur noch einen Quell erspähn?

Gilt was anders, als erkämpfen

Oder kämpfend untergehn?

Herr des Schicksals, deine Hände

Wandten meinen Untergang!

Nun hat alle Fehd' ein Ende.

Dich, o neue Sonnenwende,

Grüßet jubelnd mein Gesang!

Hymen, den ich benedeie,

Der du mich der langen Last

Endlich nun entladen hast,

Habe Dank für deine Weihe!

Sei willkommen, Himmelsgast!

Sei willkommen, Fackelschwinger!

Sei gegrüßt im Freudenchor,

Schuldversöhner, Grambezwinger!

Sei gesegnet, Wiederbringer

Aller Huld, die ich verlor! –

Ach, von Gott und Welt vergeben

Und vergessen, werd' ich sehn

Alles, was nicht recht geschehn,

Wann im schönsten neuen Leben

Gott und Welt mich wandeln sehn.

Schände nun nicht mehr die Blume

Meiner Freuden, niedre Schmach!

Schleiche bis zum Heiligthume

Frommer Unschuld nicht dem Ruhme

Meiner Auserwählten nach!

Stirb nunmehr, verworfne Schlange!

Längst verheertest du genug!

Ihres Retters Adlerflug

Rauscht heran im Waffenklange

Dessen, der den Python schlug.

Schwing, o Lied, als Ehrenfahne

Deinen Fittich um ihr Haupt

Und erstatt' auf lichtem Plane,

Was ihr mit dem Drachenzahne

Pöbellästerung geraubt.

Spät, wann dies' im Staubgewimmel

Längst des Unwerths Buße zahlt,

Strahl' in dies Panier gemahlt,

Adonide, wie am Himmel

Dort die Halmenjungfrau strahlt!

Erdentöchter, unbesungen,

Roher Faunen Spiel und Scherz,

Seht, mit solchen Huldigungen

Lohnt die theuern Opferungen

Des gerechten Sängers Herz!

Offenbar und groß auf Erden,

Hoch und hehr zu jeder Frist,

Wie die Sonn' am Himmel ist,

Heißt er's vor den Edeln werden,

Was ihm seine Holdin ist. –

Lange hatt' ich mich gesehnet;

Lange hatt' ein stummer Drang

Meinen Busen ausgedehnet.

Endlich hast du sie gekrönet

Meine Sehnsucht, o Gesang! –

Ach! Dies bange süße Drücken

Macht vielleicht ihr Segensstand

Nur der jungen Frau bekannt.

Trägt sie so nicht vom Entzücken

Der Vermählungsnacht das Pfand?

Nimm, o Sohn, das Meistersiegel

Der Vollendung an die Stirn!

Ewig, meiner Seele Spiegel,

Ewig strahlen dir die Flügel,

Wie Uraniens Gestirn!

Schweb', o Liebling, nun hinnieder,

Schweb' in deiner Herrlichkeit

Stolz hinab den Strom der Zeit!

Keiner wird von nun an wieder

Deiner Töne Pomp geweiht.

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.