Gottfried Keller
Wanderbilder (Gottfried Keller)

1 AM TEGELSEE

Es glänzt ein stilles weisses Haus

Aus stillen grünen Kronen;

Auf seinen Warten ruhen aus

Die Winde aller Zonen.

Auf ihrem Hauch ein edler Klang

Hat sich hinausgeschwungen;

Von Meer zu Meer grüsst ihn Gesang,

Gesang in allen Zungen.

Im Hause sind Gemach und Saal

Gefüllt von Glanzgestalten,

Die in vergangner Tage Strahl

Die stumme Wache halten.

Die Marmorlippen scheinen sich

Just aufzutun wie Blüten,

Erhobne Hände feierlich

Ein heilig Gut zu hüten.

Lass hinter dir, was trüb und wild,

Der du dies Haus betreten;

Denn zu der Hoffnung reinem Bild

Darfst du gefasst hier beten!

Trittst du hinaus, den Föhrensaum

Sieh ernst den See umgeben,

In seinen Wipfeln rauscht der Traum

Vom ferneblauen Leben.

Und auf dem Walde wandeln sacht

Die weissen Wolkenfrauen,

Die in der Flut kristallner Nacht

Ihr klares Bild beschauen.

In leisrem Blau die Sonne schweift,

Ihr eigner Schein ist blasser,

Von feuchter Reiherschwinge träuft

Er perlengleich ins Wasser.

Fühlst nach der Heimat du das Weh,

O Fremdling, dich durchschauern,

Fahr auf dem nord'schen Geistersee,

Hier ist es schön zu trauern!

2 IN EINEM LUSTWALDE

Ich bin ein Fremder hier zu Lande,

Wo Krongewalt herrscht allerwärts,

Mich binden nicht die starren Bande,

Doch dieser Hain erfreut mein Herz!

Um dieses grünen Lebens willen,

Um dieser Weiher sanfte Flut,

Um diese ruhgewiegten stillen

Baumwipfel in der Abendglut,

Um diesen milden tiefen Frieden,

Den mir ein braver Toter beut,

Sei ihm ein voller Dank beschieden

Des Herzens, das sein Werk erfreut!

3 SONNTAGS

Lässig bald und wieder schneller

Greifend in den blauen Himmel

Dreht sich eine graue Mühle

Dort am schweigenden Totenhain.

Drüben glänzt des Königs Kuppel;

Still ist's auch in jener Gegend,

Schmollend lässt er Gras ergrünen

Vor dem riesigen Burgportal.

Aus den Toren summt und brummt es,

Und das Weichbild schwirrt von Geigen;

Fernhin watet in dem Sande

Staubaufregendes Volk Berlins.

Aber auf dem trägen Flusse

Fahren stille Wendenschiffe;

Durch die Wipfel in die Ferne

Golden sonnige Segel ziehn.

4 BERLINER PFINGSTEN

Heute sah ich ein Gesicht,

Freudevoll zu deuten:

In dem frühen Pfingstenlicht

Und beim Glockenläuten

Schritten Weiber drei einher,

Feierlich im Gange,

Wäscherinnen fest und schwer,

Jede trug 'ne Stange.

Mädchensommerkleider drei

Flaggten von den Stangen,

Schönre Fahnen, stolz und frei,

Als je Krieger schwangen;

Frisch gewaschen und gesteift,

Tadellos gebügelt,

Blau und weiss und rot gestreift,

Wunderbar geflügelt!

Lustig blies der Wind, der Schuft,

Falbeln auf und Büste,

Und mit frischer Morgenluft

Füllten sich die Brüste;

Und ich sang, als ich gesehn

Ferne sie entschweben:

"Auf und lasst die Fahnen wehn,

Lustig ist das Leben!"

5 WEIHNACHTSMARKT

Welch lustiger Wald um das hohe Schloss

Hat sich zusammengefunden,

Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,

Von keiner Wurzel gebunden!

Anstatt der warmen Sonne scheint

Das Rauschgold durch die Wipfel;

Hier backt man Kuchen,

dort brät man Wurst,

Das Räuchlein zieht um die Gipfel.

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,

Das Volk erfüllet die Räume;

Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,

Die fällen am frohsten die Bäume.

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs

Zu überreichen Geschenken,

Der andre einen gewaltigen Strauch,

Drei Nüsse daran zu henken.

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein

Ein Weib mit scharfen Waffen;

Der dünne Silberling soll zugleich

Den Baum und die Früchte verschaffen.

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai

Die schwere Tanne von hinnen;

Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,

Zu ersteigen die grünen Zinnen.

Und kommt die Nacht, so singt der Wald

Und wiegt sich im Gaslichtscheine;

Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind

Vorüber dem Zauberhaine.

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:

Im düstern Bergesbanne

Stand reifbezuckert auf dem Grat

Die alte Wettertanne.

Und zwischen den Ästen waren schön

Die Sterne aufgegangen;

Am untersten Ast sah man entsetzt

Die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,

Das festlich still verkläret;

Weil auf der Welt sie nichts besass,

Hatt' sie sich selbst bescheret.

6 POLKAKIRCHE

Wie nach dem Rezept geschaffen,

Fein und niedlich ist der Tempel,

Angemessnen jungen Leuten

Ein erbaulich Bauexempel!

Byzantinisch jede Fuge,

Bogen, Bögelchen und Kehlen,

Nur die phantasiegebornen

Alten Fratzenbilder fehlen.

Durch die byzantin'schen Pförtchen

Rauscht es leis in Samt und Seiden;

Drinnen glitzert's fromm und geistreich

Wie zu der Komnenen Zeiten.

Hofhistoriographen lispeln

Mit ergrauten Paladinen;

Nach den Mosaiken blicken

Kammerherrn mit Betermienen.

Und die Kanzel mit dem glatten

Superintendent garnieret -

Ja, den Glaspalast zu London

Hätte dieses Werk gezieret!

7 BIERMAMSELL

Dein Witz geht an, o Schöne mein,

Noch eher, als dein bayrisch Bier!

Jedoch noch besser leuchtet mir

Das Blaue deiner Augen ein!

Und besser als dies Flackerlicht

Noch dünket mich dein schmal Gesicht,

Die runde Schulter, die zierliche Brust

Und deiner Hüften schlanke Lust.

An deiner schwarzen Seidentracht

Ist jedes Fältchen wohlgemacht;

Und immer nobel, witzig nur

Verfolgst du deine dunkle Spur.

Bist nie gemein und schimpfest nicht,

Wenn dir ein Gast die Treue bricht,

Ein Marquis Posa, wie gemalt,

Die sieben Seidel nicht bezahlt.

Du siehst nur intressanter aus,

Kaum zittern leis Manschett' und Kraus',

So edelbleich und schmerzenreich

Siehst du Marien Stuart gleich.

Er strebt und ringt und peroriert,

Wird edelbleich, wenn er verliert:

Um was sich's handelt, scheint es mir,

Ist mehr nicht, als ein Seidel Bier!