Gottfried Keller
Untergehende Liebe (Gottfried Keller)

Abend war's, ich stand am Ufer,

Wo die Wellen freudig rauschten

Und, vom Süden her gewaltig

Hergeeilt, am Strand erschäumten.

Violett war ihr Gewand,

Doch sie trugen rote Kronen,

Die von Haupt zu Haupt sie warfen,

Klangvoll ineinander fliessend.

Durch der Wolken wildes Jagen,

Einsam, sah der Abendstern,

Glänzend, wie der Schönheit Auge,

Gross erglühend, wie die Sehnsucht.

Und ich sagte zu den Wellen:

"Noch so laut und fleissig seid ihr?

Doch ich seh' nicht, was ihr schaffet,

Denn kein Segel ist zu finden,

Weil es Nacht wird und die müde

Sorgenvolle Woche hingeht!"

Und sie riefen laut erbrausend:

"Feierabend ist's, wir tanzen

Eben noch für uns ein Tänzchen.

Wie der Hirt den Schnitterinnen

Abendlich den Reigen bläset,

Also spielt der wilde Bruder

Uns, der heisse Föhn, zum Tanze,

Und er darf uns alle küssen!

In der Freiheit, in der Freude

Schlagen wir für uns ein Stündchen.

Ach! die allzu treuen Wellen

Meines unterjochten Blutes

Wollen es nicht sinken lassen;

Immer taucht empor es wieder,

Triumphierend fährt's empor,

Schiff und Bild, ach, Schiff und Götzin!

Einzig hilft, es rasch entheben

Und es in der Luft erwürgen!

Also tat ich in der Nacht,

Still in einer Frühlingsnacht.

Einen schwachen Seufzer hört' ich,

Deutlich, wie aus weiter Ferne;

Denn von den Betörten endlich

Auch einmal vergessen werden,

Tut den Vielgeliebten weh,

Und sie fühlen's in der Ferne.