Gottfried Keller
Aus einem Romane (Gottfried Keller)

I. VERLORNES RECHT, VERLORNES GLÜCK

Recht im Glücke, goldnes Los,

Land und Leute machst du gross!

Glück im Rechte, fröhlich Blut,

Wer dich hat, der treibt es gut!

Recht im Unglück, herrlich Schaun,

Wie das Meer im Wettergraun!

Göttlich grollt's am Klippenrand,

Perlen wirft es auf den Sand!

Einen Seemann, grau von Jahren,

Sah ich auf den Wassern fahren,

War wie ein Medusenschild

Der erstarrten Unruh' Bild.

Und er sang: "Viel tausendmal

Glitt ich in das Wellental,

Fuhr ich auf zur Wogenhöh',

Ruht' ich auf der stillen See!

Und die Woge war mein Knecht,

Denn mein Kleinod war das Recht;

Gestern noch mit ihm ich schlief -

Ach, nun liegt's da unten tief!

In der dunklen Tiefe fern

Schimmert ein gefallner Stern;

Und schon ist's wie tausend Jahr',

Dass das Recht einst meines war.

Wenn die See nun wieder tobt,

Keiner mehr den Meister lobt:

Hab' ich Glück, verdien' ich's nicht,

Glück wie Unglück mich zerbricht!"

II. IN DER TRAUER

1.

Klagt mich nicht an, dass ich vor Leid

Mein eigen Bild nur könne sehen!

Ich seh' durch meinen grauen Flor

Fern euere Gestalten gehen.

Und durch den starken Wellenschlag

Der See, die gegen mich verschworen,

Geht mir von euerem Gesang,

Wenn auch gedämpft, kein Ton verloren.

Und wie die müde Danaide wohl,

Das Sieb gesenkt, neugierig um sich blicket,

So schau' ich euch verwundert nach,

Besorgt, wie ihr euch fügt und schicket!

2.

Ich kenne dich, o Unglück, ganz und gar

Und sehe jedes Glied an deiner Kette!

Du bist vernünftig, zum Bewundern klar,

Als ob ein Denker dich geordnet hätte!

Nicht mehr noch weniger hat mir gebührt,

Mir ist gerecht die Schale zugemessen;

Und dennoch hab' ich bittrer sie verspürt,

Als niemals ich getrunken noch gegessen.

Jetzt aber bring' ich leichter sie zum Mund,

Als einst die müde Seele noch wird wissen;

Der quellenklare Perltrank ist gesund,

Ich lieb' ihn drum mit dürstendem Gewissen!

3.

Ein Meister bin ich worden

Zu weben Gram und Leid;

Ich webe Tag' und Nächte

Am schweren Trauerkleid.

Ich schlepp' es auf der Strasse

Mühselig und bestaubt;

Ich trag' von spitzen Dornen

Ein Kränzlein auf dem Haupt.

Ich lege Kron' und Mantel

Beschämt am Wege hin

Und muss nun ohne Trauer

Und ohne Freuden ziehn!