Gottfried Keller
Am fliessenden Wasser (Gottfried Keller)

1.

Hell im Silberlichte flimmernd

Zieht und singt des Baches Welle,

Goldengrün und tiefblau schimmernd

Küsst sie flüchtig die Libelle;

Und ein drittes kommt dazu,

Eine Blüte hergeschwommen:

Alle haben drauf im Nu

Heitern Abschied schon genommen.

Und die Esche beugt sich drüber,

Schaut in Ruh das holde Treiben,

Denkt: Ihr Lieben, zieht vorüber,

Ich will grünen hier und bleiben!

Und ich unterm Eschenbaum:

Was soll denn mit mir geschehen

In dem reizend leichten Traum?

Soll ich bleiben? Soll ich gehen?

2.

Ich liege beschaulich

An klingender Quelle

Und senke vertraulich

Den Blick in die Welle;

Ich such' in den Schäumen,

Weiss selbst nicht, wonach?

Verschollenes Träumen

Wird in mir wach.

Da kommt es gefahren

Mit lächelndem Munde,

Vorüber im klaren

Kristallenen Grunde,

Das alte vertraute,

Das Weltangesicht!

Sein Aug' auf mich schaute

Mit äth'rischem Licht.

Wohin ist's geschwommen

Im Wellengewimmel?

Woher ist's gekommen?

Vom blauenden Himmel!

Denn als ich ins Weben

Der Wolken gesehn,

Da sah ich noch eben

Es dort vergehn.

Ich seh' es fast immer,

Wenn's windstill und heiter,

Und stets macht sein Schimmer

Die Brust mir dann weiter;

Doch wenn sein Begegnen

Der Seele Bedarf,

Im Stürmen und Regnen

Auch seh' ich es scharf

3.

Ein Fischlein steht am kühlen Grund,

Durchsichtig fliessen die Wogen,

Und senkrecht ob ihm hat sein Rund

Ein schwebender Falk gezogen.

Der ist so lerchenklein zu sehn

Zuhöchst im Himmelsdome;

Er sieht das Fischlein ruhig stehn,

Glänzend im tiefen Strome!

Und dieses auch hinwieder sieht

Ins Blaue durch seine Welle.

Ich glaube gar, das Sehnen zieht

Eins an des andern Stelle!

4.

Sah ich eine junge Welle,

Die durch Alpenrosen floss

Und sich rauschend mit der Quelle,

Mit dem Strom ins Tal ergoss.

Schien der Himmel drin versunken,

Und war doch so leicht und klar,

Und ich hab' davon getrunken,

Wie so frisch und rein sie war!

Bin dann auf dem Meer gelegen,

Wo das Kreuz am Himmel steht;

Nicht konnt' unser Schiff sich regen,

In der Glut kein Lüftchen weht'!

Von dem heissen Strahl durchzittert,

Ja, sie war es, deutlich, nah!

Doch versalzen und verbittert,

Still und mutlos lag sie da. -