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Gottfried Keller Am Sarg eines neunzigjährigen Landmannes vom Zürichsee (Gottfried Keller)So bist du eine Leiche! So ist die alte Eiche Doch endlich abgedorrt! Es ist ein lang Stück Leben, Das wir dem Staube geben, Ein ausgeklungen Gotteswort. Da wir vor zwanzig Jahren Als Kinder um dich waren, Standst du schon silberweiss: Und noch ein Jünglingsleben, Ein zwanzigjähriges eben, Trankst du begierig, durst'ger Greis! Des Mittelalters Schwingen Mit letztem bebendem Klingen Umfachten die Wiege dir; Jetzt, voll von Sturmesahnen, Umrauschen die dunklen Fahnen Der neuen Welt dein Bahrtuch hier. Darin wir uns vertieften, Die aberhundert Schriften, Was uns erfüllt die Brust: Das zog dir all vorüber, Dämmernd heran, hinüber, Du aber hast es nicht gewusst. In jenen fernen Tagen - Ich hör' die Finken schlagen - Als durch den grünen Wald Herr Gessner las im Brockes: Ins Herz des Eichenstockes Hat deiner Jugend Axt geschallt. Hast du dem deutschen Sänger, Dem edlen Schlittschuhgänger Den Stahlschuh hier gereicht? Du hast vor fünfzig Jahren Den See hinauf gefahren Den fünfzigjährigen Goethe vielleicht. Vorüber deiner Leiche Flieht heut der zornesbleiche Poet den See entlang; Verschwunden sind die Spuren, Wo heitere Dichter fuhren, Und anders tönt des Flüchtlings Sang! Die Scherben stolzer Kronen, Zwei Revolutionen, Die haben dich umklirrt; Erdbeben und Kometen, Sturmglocken und Schlachtdrommeten Sind deiner Stirn vorbeigeschwirrt. Der unsre Welt gewendet Wie seine Hand, geendet Im Meere still und fern, Mit seinem eh'rnen Tritte Fiel just er in die Mitte Des Lebens dir, ein irrer Stern. Du sahst auf deinem Felde Erstaunt die fremden Zelte, Die Flucht durch Saatengrün, Und als sie abgezogen, Zum alten Sternenbogen Der Väter Haus in Flammen sprühn. Doch alles ist in trüben Gebilden dir fremd geblieben, Ein Rätsel dir und Traum; Auch die vorüber jagten, So wenig nach dir fragten, Als dort nach deinem Apfelbaum. Doch in dir hell erglühte Das Urlicht und erblühte Ein grünes Urwaldreis; Oft sah ich dein Auge scheinen, Als ob's in heiligen Hainen Noch ruht' auf der Runensteine Kreis. Du hast den Stier gezwungen, Du hast das Beil geschwungen, Dass Birk' und Föhre fiel; Wer diese harte Erde Mit eiserner Pflugschar kehrte, Erlernt' auch leicht des Krieges Spiel. Es schliefen geheime Sagen Von grauen Heidentagen Auf deines Gemütes Grund; Du sangst noch hin und wieder Verschollne Schwänk' und Lieder, - Freund Uhland wohl ein guter Fund! Vom Weltend' die vier Winde Durch deiner Heimat Gründe Sahst wallen du und wehn; Doch jener nahen Firnen, Die ragen zu den Gestirnen, Hast selber den Fuss du nie gesehn Propheten, lernt euch neigen! Nicht auf zu euch soll steigen Der Kronen kalte Pracht: Hernieder lasst uns dringen, Demütigen Herzens bringen Licht in der engsten Hütte Nacht! Mehr Keller Gedichte? Bitte klicken Sie Gottfried Keller. Gedichte aller Autoren finden Sie in unserem Index. |
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