Friederike Kempner
Die Tscherkessen (Friederike Kempner)

Die Tscherkessen

       

Sieh', drei Reiter, glänzend, prächtig,

Wie sie nur im Traume!

Scharlachrot auf schwarzen Rossen,

Und mit gold'nem Zaume.

Schwarz und golden, herrlich flimmert's

Wie sie blitzschnell eilen.

Funken stäuben gleich Raketen,

Und es schwinden Meilen!

Purpurfedern auf Baretten,

Dolche an den Seiten,

Schienen sie die schnelle Runde

Um die Welt zu reiten.

Und die Rosse, wie arabisch

Ihre Blicke leuchten,

Wie die glänzend schwarzen Haare

Helle Tropfen feuchten!

Dreimal kam die Nacht gezogen,

Dreimal sah man's tagen,

Und noch immer Rosseshufe

Samt den Herzen schlagen.

Dreimal kam die Nacht gezogen,

Dreimal sah man's tagen,

Und es konnten Feuerkugeln

Sie noch nicht erjagen!

Nächtlich sieh' im Mondenscheine

Die drei Reiter knieen.

Brück' und Wasser hinter ihnen

Eine Linie ziehen.

In dem Grenzort auf dem Berge

Steht des Marktes Menge,

Und Bewunderung, Staunen, Rührung,

Wechseln im Gedränge:

Seht ihr, seht ihr die Tscherkessen,

Herr Gott! wie die reiten!

Feuer sprühen ihre Blicke

Hin nach allen Seiten!

Sie entfloh'n aus tiefen Reußen,

Heldenmut im Blute, –

So tönt's in des Volks Geflüster –

»Wie den' auch zu Mute?« –

Vor des Preuß'schen Rathaus Schwelle

Stehet die Behörde,

Und die Reiter, heiß und glänzend,

Ruhen auf der Erde.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,

Blicke, freudetrunken,

Streicheln sie die prächt'gen Rosse,

Wie im Traum versunken.

Ihre Zeichen, ihre Mienen,

Ihre dunklen Worte,

Sie enträtselt halb ein Dolmetsch,

Tief gerührt am Orte.

»Wir Cirkassien's freie Söhne

»In der Sklaven-Ferne

»Hörten rühmend eure Freiheit,

»Dienten Freien gerne!

»Durch des höchsten Gottes Fügung

»Nun auf freier Erde,

»Flehen wir zum freien Preußen,

»Daß uns Hilfe werde!

»Dreimal vier und zwanzig Stunden

»Ohne Rast geflohen,

»Bieten wir uns, uns're Schwerter

»Euch an voll Vertrauen!

»Dreimal vier und zwanzig Stunden

»Ohne Rast geritten,

»Wir um edle, große, deutsche

»Gastlichkeit nun bitten! – «

Also klagen ihre Worte,

Und mit starrem Munde

Still vernahm des Ortes Vorstand

Diese selt'ne Kunde.

Selbe Nacht noch, sieh', pechfinster,

Trotz des Vollmonds Lichte,

Lautlos durch die tiefe Stille

Lauschet die Geschichte.

Horch, zwei preußische Schwadronen,

Die Tscherkessen mitten,

Ziehen auf dem dunklen Boden

Hin mit festen Tritten.

Wieder sieht man durch die Gegend

Rosseshufe sprühen,

Brück und Wasser diesmal ihnen

Vorn die Grenze ziehen.

Horch, da öffnet sich der Schlagbaum,

Und am Brückenkopfe

Nicken durch die hohle Öffnung

Russen mit dem Kopfe.

Dumpf Gemurmel vom Kartelle,

Freundschaft, – ungeschwächte, –

Und man liefert unsere Helden

An Kosakenknechte!

Düster graut der vierte Morgen,

Einzeln leuchten Sterne,

Russen bilden einen Halbkreis,

Wetter leuchten ferne:

Düster flimmern die Laternen,

Donner westwärts grollen,

Von der Helden Haupt, gebücktem,

Große Tränen rollen:

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-88221-802-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Matthes & Seitz Verlag