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Eduard Mörike An Longus (Eduard Mörike)Von Widerwarten eine Sorte kennen wir Genau und haben aergerlich sie oft belacht, Ja einen eignen Namen ihr erschufest du, Und heute noch beneid ich dir den kuehnen Fund. Zur Kurzweil gestern in der alten Handelsstadt, Die mich herbergend einen Tag langweilete, Ging ich vor Tisch, der Schiffe Ankunft mit zu sehn, Nach dem Kanal, wo im Getuemmel und Geschrei Von tausendhaendig aufgeregter Packmannschaft, Fasswaelzender, um Kist und Ballen fluchender, Der taetige Faktor sich zeigt und, Gaffens halb, Der Strassenjunge, beide Haend im Latze, steht. Doch auf dem reinen Quaderdamme ab und zu Spaziert' ein Paerchen; dieses fasst ich mir ins Aug. Im gruenen, goldbeknoepften Frack ein junger Herr Mit einer huebschen Dame, modisch aufgepfauscht. Schnurrbartsbewusstsein trug und hob den ganzen Mann Und glattgespannter Hosen Sicherheitsgefuehl, Kurz, von dem Huetchen bis hinab zum kleinen Sporn Belebet' ihn vollendete Persoenlichkeit. Sie aber lachte puenktlich jedem duerftgen Scherz. Der treue Pudel, an des Herren Knie gelockt, Wird, ihr zum Spasse, schmerzlich in das Ohr gekneipt, Bis er im hohen Fistelton gehorsam heult, Zu Nachahmung ich weiss nicht welcher Saengerin. Nun, dieser Liebenswerte, daecht ich, ist doch schon Beinahe was mein Longus einen _Sehrmann_ nennt; Und auch die Dame war in hohem Grade _sehr_. Doch nicht die affektierte Fratze, nicht allein Den Gecken zeichnet dieses einzge Wort, vielmehr, Was sich mit Selbstgefaelligkeit Bedeutung gibt, Amtliches Air, vornehm ablehnende Manier, Dies und noch manches andere begreifet es. Der Principal vom Comptoir und der Canzellei Empfaengt den Assistenten oder Commis - denkt, Er kam nach elfe gestern nacht zu Hause erst - Den andern Tag mit einem langen Sehrgesicht. Die Kammerzofe, die kokette Kellnerin, Nachdem sie erst den Schaeker kuehn gemacht, tut boes, Da er nun vom geraubten Kusse weitergeht: "Ich muss recht, recht sehr bitten!" sagt sie wiederholt Mit serioesem Nachdruck zum Verlegenen. Die Tugend selber zeiget sich in Sehrheit gern. O haettest du den jungen Geistlichen gesehn, Dem ich nur neulich an der Kirchtuer hospitiert! Wie Milch und Blut ein Maennchen, durchaus musterhaft; Er wusst es auch: im wohlgezognen Backenbart, Im blonden, war kein Haerchen, wett ich, ungezaehlt. Die Predigt roch mir seltsamlich nach Leier und Schwert, Er kam nicht weg vom schoenen Tod fuers Vaterland; Ein paarmal gar riskiert' er liberal zu sein, Hoechst liberal, - nun, halsgefaehrlich macht' ers nicht, Doch wurden ihm die Ohren sichtlich warm dabei. Zuletzt, herabgestiegen von der Kanzel, rauscht Er strahlend, Kopf und Schultern wiegend, rasch vorbei Dem duftgen Reihen tiefbewegter Jungfraeulein, Und richtig macht er ihnen ein Sehrkompliment. Hiernaechst versteht sich allerdings, dass viele auch Nur teilweis und gelegentlich Sehrleute sind. So haben wir an manchem herzlich lieben Freund Ein unzweideutig Aderchen der Art bemerkt, Und freilich immer eine Faust im Sack gemacht. Doch wenn es nun vollendet erst erscheint, es sei Mann oder Weib, der Menschheit Afterbild - o wer, Dem sich im Busen ein gesundes Herz bewegt, Ertraegt es wohl? wem kruemmte sich im Innern nicht Das Eingeweide? Gift und Operment ist mirs! Denn waeren sie nur laecherlich! sie sind zumeist Verrucht, abscheulich, wenn du sie beim Licht besiehst. Kein Mensch beleidigt wie der Sehrmann und verletzt Empfindlicher; waers auch nur durch die Art wie er Dich im Gespraech am Rockknopf fasst. Du schnoede Brut! Wo einer auftritt, jedes Edle ist sogleich Gelaehmt, vernichtet neben ihnen, nichts behaelt Den eignen, unbedingten Wert. Geht dir einmal Der Mund in seiner Gegenwart begeistert auf, Und was es sei - der Mann besitzt ein bleiernes, Grausames Schweigen; voellig bringt dichs auf den Hund. - Was hiesse gottlos, wenn es dies Geschlecht nicht ist? Und nicht im Schlaf auch fiel es ihnen ein, dass sie Mit Haut und Haar des Teufels sind. Ich scherze nicht. Durch Busse kommt ein Arger wohl zum Himmelreich: Doch kann der Sehrmann Busse tun? O nimmermehr! Drum fuercht ich, wenn sein abgeschiedner Geist dereinst Sich, frech genug, des Paradieses Pforte naht, Der rosigen, wo, Wache haltend, hellgelockt Ein Engel lehnet, hingesenkt ein traeumend Ohr Den ewgen Melodien, die im Innern sind: Aufschaut der Waechter, misset ruhig die Gestalt Von Kopf zu Fuss, die fragende, und schuettelt jetzt Mit sanftem Ernst, mitleidig fast, das schoene Haupt, Links deutend, ungern, mit der Hand, abwaerts den Pfad. Befremdet, ja beleidigt stellt mein Mann sich an, Und zaudert noch; doch da er sieht, hier sei es Ernst, Schwenkt er in hoechster Sehrheit trotziglich, getrost Sich ab und schwaenzelt ungesaeumt der Hoelle zu. Mehr Mörike Gedichte? Bitte klicken Sie Eduard Mörike. Gedichte aller Autoren finden Sie in unserem Index. |
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