August von Platen
Kassandra (August von Platen)

(1832)

           

Deinem Los sei'n Klagen geweiht, Europa!

Aus dem Unheil schleudert in neues Schrecknis

Dich ein Gott stets; ewig umsonst erflehst du

        Frieden und Freiheit!

Kaum versank allmählich, im trägen Zeitlauf,

Jener Zwingburg südlicher Bau zu Trümmern,

Wo des Weltherrn Zepter dem Inquisitor

        Schürte den Holzstoß:

Sieh, da keimt schon, unter dem Hauch des Nordpols,

Frischen Unheils wuchernder Same leis auf:

Hoch als Giftbaum ragt in die Luft bereits dies

        Riesige Scheusal!

Selbst dem Beil fruchtloser Begeisterung trotzt

Dieser Stamm, der alles erdrückt, und keiner

Wolke, weh uns, rettender Blitz zerschmettert

        Wipfel und Ast ihm!

Ketten dräu'n, wie nie sie geklirrt, der Menschheit

Bangen Hals zuschnürend, und parrizidisch

Reiht im Wettlauf mächtiger Ungeheur sich

        Frevler an Frevler!

Zwar der Hahn kräht; aber er weckt die Welt nicht!

Selbst des Einhorns' Stachel vielleicht zersplittert:

Adler Deutschlands, doppelter, kreise wachsam,

        Schärfe die Klau'n dir!

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000291-5
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.