August von Platen
Hymnus aus Sizilien (August von Platen)

(1835)

   

Gestirnerleuchtete Nacht, o geuß

In mein Gemüt tiefsinnigen Gesanges unerschöpflichen reichen Quell!

Denn der Natur gleich sei das Festlied,

Die den Tag nicht bloß, den erfreulichen, uns

Durch farbige Gebilde reizend ausschmückt,

Nein, dem Dunkel sogar der Lichtfunken stets wachen Glanz verlieh.

Es bangt die Seele zur ernsten Zeit,

Des fremden Eilands Küste, die umdunkelte, betrachtend im Mondenlicht,

Welche voreinst glanzhell umstrahlt war,

Als die Luft, durch griechische Lieder bewegt,

Sanft bebete dem Saitenspiel Apollons,

Den Päane des Volks am buschreichen Bergquell verherrlichet:

Es bangt des Späteren Seele, der

Sich selber mißtraut, nordischen Gefilden an den eisigen Seen entsproßt,

Wenn er im Wettstreit soll der Vorwelt

Kunstbegabt nachringen, ein ernstlicher Kampf!

Doch reifere Genüsse beut der Herbst ja,

Wenn das üppige Veilchen auch nie zurückbringt den Würzeduft.

Es scherzt, Proserpina, länger nicht

Um dich die Schar braunlockiger Gespielinnen im öderen Ennatal;

Dornen umblühn jetzt jenen Bergschlund,

Den der zweizackmächtige Gatte verließ,

Als dunkle Hyazinthen pflückend harmlos

Dich der Liebende fand, des fraunschönen Eilandes höchste Zier.

Der Nymphen Klage verscholl umsonst,

Am Flammenberg anzündete die mütterliche Fackel umsonst der Schmerz,

Streifend umher stets. Jener Gott hob

Aufs Gespann schwarzmähniger Hengste die Braut:

Hochwipflige Zypressen nahmen auf dich,

Durch Asphodeloswiesen quoll dir der lichtscheue Lethestrom.

Die Insel aber erhieltest du

Von Zeus zur Mitgift. Mütterlich umpflegete sie deiner Erzeugerin

Reichliche, füllhornmilde Hand stets;

Denn es liebt inbrünstige Liebe den Ort,

Wo zärtlichen Ergusses einst gepflegt sie,

Auf verlassener Stelle rückwünschend Niewiederkehrendes.

Und seit entlediget dieses Land

Der holden Obhut, schmachtet es in trägem, unermeßlichem Zauberschlaf:

Heimischer Gottheit ist's beraubt nun.

Nach des Nords reizloseren Triften entfloh

Tatkräftige Gewalt und reger Kunstfleiß:

Auch die spröde Natur bezwingt, traun! der niemüde Menschengeist.

Germaniens Helden eroberten

Das Nordgefild samt wonnigeren Auen an dem Strand des Oreto selbst.

Dieses Gestad' ist noch des Ruhmes voll,

Den zurückließ ihre gewaltige Faust:

Wo Friederich im Grabe schläft und Heinrichs

Frühbestatteter Leib zugleich ruht im porphyrnen Sarkophag.

So darf der redliche Dichter nicht

Verzagen, der ehmaliger Bekränzungen entblätterten Raum betritt:

Hellas erscheint nicht mehr so furchtbar. -

Mich des Hochmuts zeihen die meisten, und doch

War keiner so bescheiden, weil ich langsam

Hob der Fittige Schwung, und spät erst die kunstreichste Form ergriff.

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000291-5
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.