Theodor Fontane

»Und alles ohne Liebe«

       

Die Mutter spricht: »Lieb Else mein,

Wozu dies Grämen und Härmen?

Man lebt sich ineinander ein,

Auch ohne viel zu schwärmen;

Wie manche nahm schon ihren Mann,

Daß sie nicht sitzen bliebe,

Und dünkte sich im Himmel dann

Und – alles ohne Liebe.«

Jung-Else hört's. Sie schloß das Band,

Das ewge, am Altare,

Und lächelnd nahm des Gatten Hand

Den Kranz aus ihrem Haare;

Ihr war's, als ob ein glühend Rot

Sich auf die Stirn ihr schriebe,

Sie gab ihr Alles, nach Gebot,

Und – alles ohne Liebe.

Sie wünscht sich oft, es wär vorbei,

Wenn nicht die Kinder wären,

So aber sucht sie stets aufs neu

Zum Guten es zu kehren;

Sie schmeichelt ihm, und ob er dann

Auch kalt beiseit sie schiebe,

Sie nennt ihn »ihren liebsten Mann«

Und – alles ohne Liebe.

Verfügbare Informationen:

ISBN: 3-15-008501-2

Erschienen im Buch "Deutsche Balladen"

Herausgeber: Philipp Reclam jun.

Weitere Gedichte von Theodor Fontane