Nikolaus Lenau
Zwei Polen (Nikolaus Lenau)

Hippolyt

         

Schon sieben Jahre treibst du

Dies wunderliche Wandern

Von einem Ufersaume

Der Welt dahin zum andern?

So lang aus diesem Schiffe

Trat nie dein scheuer Fuß,

Der lieben, trauten Erde

Zu bringen einen Gruß?

Und wenn das Schiff die Winde

In Landesnäh getragen,

Wenn du die blauen Berge

Sahst in die Lüfte ragen,

So bist du kalt geblieben

In deinem Bretterhaus?

So rief kein lautrer Herzschlag

In deiner Brust: hinaus!?

Und sahst du auf den öden,

Den unwirtbaren Wogen,

Wie plötzlich kam ein Vogel

Vom Lande hergeflogen,

Der bald zur Heimat wieder

An dir vorüberglitt,

Nahm der nicht deine Sehnsucht

In seine Wälder mit?

Wenn du in weiter Ferne

Mit seegeschärften Sinnen

Sahst aus den Fluten tauchen

Die grünen Waldeszinnen

Und unwillkürlich spürend

Den Landgeruch gespürt,

Hat sich in deinem Herzen

Die Waldlust nicht gerührt?

Boleslaw

Ich habe sieben Jahre

Mich auf der See getrieben,

Werd auf der See mich treiben

Vielleicht noch einmal sieben.

Solang mir nicht vom Ufer

Entgegentönt die Kunde,

Daß sich erhob die Menschheit,

Zu heilen jene Wunde,

Die mit dem Falle Warschaus

In tränenwerten Tagen

So tief dem heilgen Herzen

Der Freiheit ward geschlagen:

So lange wird vergebens

Gebirg und Wald mir winken

Und auf das Schiff ein Vogel,

Ihr müder Bote, sinken.

Den lieben Bergespfaden,

Der süßen Waldesruh

Und manchem Freundesherde

Kehr ich den Rücken zu

Und knicke tot im Herzen

Den Wunsch nach Wiederkehr

Und wende meine Blicke

Zurück ins freie Meer.

Hier leb ich mit den Wellen

Und mit den freien Winden

Und seh dahin die Tage,

Die hoffnungslosen, schwinden;

Hier leb ich mit den Brüdern

Erinnrungsvolle Stunden,

Dort die im heilgen Kampfe

Beglückten Tod gefunden.

Hippolyt

O tiefe Meeresstille!

O grenzenloser Frieden!

Auf weiter Wasserheide

Wie einsam, abgeschieden!

Das Meer in seiner Stille

Ist zwiefach unermessen;

Hier haben uns die Winde

Verlassen und vergessen.

Boleslaw

Der finstre, stumme Himmel

Ist wie mein Vaterland,

Dem jeder Strahl der Freude

Vom Angesichte schwand;

Der stille Meeresboden,

Wo keine Welle wacht,

Ist wie die stille Wahlstatt

Nach unsrer letzten Schlacht.

Hippolyt

Das stumme, finstre Antlitz

Des Himmels niederstarrt

Und mit verhaltnem Grolle

Der Zeit des Sturmes harrt. –

Der auf dem Dornenpfühle

Tatloser Schmerzen ruht,

Du wunderlicher Träumer,

Wie wäre dir zumut,

Wenn plötzlich übers Meer sich

Zu dir herüberschwänge

Ein Vöglein aus der Heimat

Und wach den Träumer sänge?

Wenn es ein Lied dir sänge,

Wie sie sich drüben schlagen,

Und wie die Waffenbrüder

Nach dir im Kampfe fragen?

Du aber bist gebannet,

Gefesselt ist dein Wille

Und mit dem Schiff gewurzelt

Hier in der Meeresstille!

Boleslaw

Das Vöglein wird nicht kommen

Und singen, wie sie schlagen,

Und wie die Waffenbrüder

Nach mir im Kampfe fragen;

Doch käm es, müßt ich weinen,

Daß ich daheim nicht wär,

Und würde ungeduldig

Mich stürzen in das Meer.

Mein Geist, entfesselt, eilte

Zur lang ersehnten Schlacht,

Ein Leitstern meinen Brüdern

In dichter Pulvernacht;

Und wollt ein Feind im Dunkel

Entfliehn der Schlacht, der heißen,

Würd ich des Rauches Mantel

Ihm von den Schultern reißen,

Die Kugeln meiner Brüder

Würd ich im Fluge lenken,

Daß sie sich tief und sicher

In Feindesherzen senken.

Hippolyt

Schon regen sich die Lüfte,

Und Sturmeswolken ziehn;

Vielleicht ist Polens Freiheit

Auf immer nicht dahin.

Boleslaw

Die Winde gehn und kommen.

Die Woge ebbt und flutet,

Doch ewig ohne Hülfe

Die tiefe Wunde blutet!

(1835)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag