Nikolaus Lenau
Robert und der Invalide (Nikolaus Lenau)

Robert

           

Siehst unser Hüttlein du im Abend schimmern? –

Es lacht hinaus ins öde Heideland,

Als wohnt' in ihm das Glück, das uns entschwand,

Und nicht ein finstres Paar von Menschentrümmern.

Aus einer andern Zeit, der guten alten,

Als noch das Glück geruht in Hüttleins Schoß

Und reicher Segen das Gefild umfloß,

Hat es die heitre Miene sich erhalten.

Hier sah man einst in schönen Sommertagen

Die frommen Lämmer auf der Weide springen,

Hier hörte man die Hirtenflöte klingen

Und im Getreide hell die Wachtel schlagen.

Hier zog der Pfad durch frische Wiesengründe,

Daß abends er dem fröhlichen Gesellen

Den schnellsten Weg zu seinem Liebchen künde.

Nun wiegt kein Saatfeld seine goldnen Wellen,

Und alles schläft in tiefer Heideruh;

Der Pfad hat nichts der Liebe mehr zu künden,

Schloß trauernd seine grünen Lippen zu;

Und ringsumher Vergessen und Verschwinden.

Das Hüttlein nur mit seinem Lindenbaume

Ist nicht erwacht aus seinem holden Traume.

– Ihm gleicht die Erde jenseits unsrer Heide;

Ob längst das Glück aus ihren Armen floh,

Die Erde tut, wie einst, noch immer froh

Und schmückt sich gerne mit dem Blütenkleide;

Getreu der alten, schon gedankenlosen

Gewohnheit, trägt sie jährlich ihre Rosen. –

Hab meine Lust, im Hüttlein dort zu hausen,

Es ist so leicht gezimmert, leicht bedacht;

Da hören recht wirs, wenn die Winde brausen,

Wenn unser Schätzel kommt, die Wetternacht.

Bin gerne dort in heitern Abendstunden,

Wenn schon der letzte Sonnenstrahl geschwunden;

Wenn hell zu Sternen Sterne sich gesellen

Und unsre Hunde auf zum Monde bellen,

Weil sich der stille, blasse schleicht heran,

Als wollt er diebisch unsrer Hütte nahn

Und uns mit seinen leisen Silberhänden

Den leichten Schlaf durchs Fensterlein entwenden. –

Freund! höre doch! wo wandert deine Seele,

Derweil ich hier von Hütt und Mond erzähle?

 

Der Invalide

Es bellen – sagtest du – zum Mondenschein

Die Hunde; – ja – den Hunden hätt ich sollen,

Als einst der laute Ruf zur Schlacht erschollen,

Zum Futter werfen lieber vor mein Bein,

Als daß ichs im berauschten Sturmesflug

Zum blutgetränkten Opferherde trug.

Zum Opferherde trug ichs? – Herd der Küche

War jenes Leipzigfeld voll Flamm und Rauch!

Zerrißne Glieder, Leichen, Donnerflüche,

Gebrochne Waisen-, Mutterherzen auch,

Das Schlachtgeflügel auch, – vom bösen Wetter

Napoleon gejagt aus Frankreichs Auen: –

Das alles ward vom Chor der Freiheitsretter

In ein Gericht zusammen dort gehauen,

Woran das Glück nun der Aristokraten

Sich schwelgend mästet, da zu ihrer Schmach

Im Lande ziehn verstümmelte Soldaten

Und betteln müssen um ein mildes Dach.

Man hat ein Glied vom Leibe mir gerissen,

Den schlechten Rest dem Hunger vorgeschmissen.

Das sind die Menschen ohne Dank nicht wert,

Daß ich für sie gezogen einst mein Schwert,

Daß ich, ein Bettelkrüppel, auf der Heide

Umhinke, deinen Bissen trag im Magen

Und decke meinen Leib mit deinem Kleide,

Bis diese dumpfe Trommel ausgeschlagen

Den Trauermarsch: das Herz da – stille steht

Und den vergeßnen Staub der Wind verweht! –

 

Robert

Dich trösten wollen mag ein bittrer Spötter!

Was einmal tief und wahrhaft dich gekränkt,

Das bleibt auf ewig dir ins Mark gesenkt;

Hier steht das Unglück höher als die Götter!

Der Himmel mag vor deinen Gram sich lagern,

All seine Götterkräfte laß erglühn,

Daß er die Seele dir von ihren Nagern

Rein schaffe und sie wieder mache blühn:

Wird er den Seelenwurm hinausbeschwören,

Will er nicht Seel und Wurm zugleich zerstören?! –

Daß einen treuen Freund an mir du hast,

Bis sie mir einst im Dorfe drüben läuten,

Wenn sie mich tragen zur ersehnten Rast,

Das ist wohl wahr, doch hier kanns nichts bedeuten. –

Die Sonn ist unter; – wie die Nebel flattern,

Vom Herbstwind aufgesagt aus dunklem Moor! –

So war der Abend, als mir Laura schwor!

Hörst du die Wildgans in den Lüften schnattern?

Das kündet Frost, mein Freund, und trübe Zeit! –

Schon wieder gaukelt da die böse Sippe

Von Nachtgestalten der Vergangenheit.

Nun mag ich fliehn durch Gräser und Gestrüppe,

Sie folgt mir stets, sie spottet stets mir nach:

»Du Tor, mit deinem fabelhaften Sehnen!

Hast du's noch nicht ersäuft mit deinen Tränen?«

Und alle meine Wunden werden wach.

Wie Buben einen Narren durch die Straßen

Nicht ungeneckt hingehn und träumen lassen,

So folgt es höhnend mir durch diese Heide

Und läßt nicht rasten mich von meinem Leide.

(1827-1831)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag