Nikolaus Lenau
Niagara (Nikolaus Lenau)

         

Klar und wie die Jugend heiter,

Und wie murmelnd süßen Traum,

Zieht der Niagara weiter

An des Urwalds grünem Saum;

Zieht dahin im sanften Flusse,

Daß er noch des Waldes Pracht

Widerstrahlt mit froher Muße

Und die Sterne stiller Nacht.

Also sanft die Wellen gleiten,

Daß der Wandrer ungestört

Und erstaunt die meilenweiten

Katarakte rauschen hört.

Wo des Niagara Bahnen

Näher ziehn dem Katarakt,

Hat den Strom ein wildes Ahnen

Plötzlich seines Falls gepackt.

Erd und Himmels unbekümmert

Eilt er jetzt im tollen Zug,

Hat ihr schönes Bild zertrümmert,

Das er erst so freundlich trug.

Die Stromschnellen stürzen, schießen,

Donnern fort im wilden Drang,

Wie von Sehnsucht hingerissen

Nach dem großen Untergang.

Und so mag vergebens lauschen,

Wer dem Sturze näher geht;

Doch die Zukunft hörte rauschen

In der Ferne der Prophet.

(1836)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag