Nikolaus Lenau
Der Polenflüchtling (Nikolaus Lenau)

                   

   

Im quellenarmen Wüstenland

Arabischer Nomaden

Irrt, ohne Ziel und Vaterland,

Auf windverwehten Pfaden

Ein Polenheld und grollet still,

Daß noch sein Herz nicht brechen will.

Die Sonn auf ihn heruntersprüht

Die heißen Mittagsbrände,

Von ihrem Flammenkusse glüht

Das Schwert an seiner Lende.

Will wecken ihm den tapfern Stahl

Zur Racheglut der Sonnenstrahl?

Sein Leib neigt sich dem Boden zu

Mit dürstendem Ermatten;

Der sänke gern zu kühler Ruh

In seinen eignen Schatten,

Der tränke gern vor dürrer Glut

Schier seine eigne Tränenflut.

Doch solche Qual sein Herz nicht merkt,

Weils trägt ein tiefers Kränken.

Er schreitet fort, vom Schmerz gestärkt,

Vom Schlachtenangedenken.

Manchmal sein Mund Kosziusko! ruft,

Und träumend haut er in die Luft.

Als nun der Abend Kühlung bringt,

Steht er an grüner Stelle;

Ein süßes Lied des Mitleids singt

Entgegen ihm die Quelle,

Und säuselnd weht das Gras ihn an:

O schlummre hier, du armer Mann!

Er sinkt, er schläft. Der fremde Baum

Einflüstert ihn gelinde

In einen schönen Heldentraum;

Die Wellen und die Winde

Umrauschen ihn wie Schlachtengang,

Umrauschen ihn wie Siegsgesang.

Dort kommt im Osten voll und klar

Herauf des Mondes Schimmern;

Von einer Beduinenschar

Die blanken Säbel flimmern

Weithin im öden Mondrevier,

Der Wildnis nächtlich helle Zier.

Stets lauter tönt der Hufentanz

Von windverwandten Fliehern,

Die heißgejagt im Mondenglanz

Dem Quell entgegenwiehern.

Die Reiter rufen in die Nacht;

Doch nicht der Polenheld erwacht.

Sie lassen, frisch und froh gelaunt,

Die Ross' im Quelle trinken,

Und plötzlich schauen sie erstaunt

Ein Schwert im Grase blinken,

Und zitternd spielt das kühle Licht

Auf einem bleichen Angesicht.

Sie lagern um den Fremden stumm,

Ihn aufzuwecken bange:

Sie sehn der Narben Heiligtum

Auf blasser Stirn und Wange;

Dem Wüstensohn zu Herzen geht

Des Unglücks stille Majestät.

Dem schlafversunknen Helden naht,

Mit Schritten gastlich leise,

Ein alter, finsterer Nomad,

Und Labetrunk und Speise,

Das Beste, das er ihm erlas,

Stellt er ihm heimlich vor ins Gras,

Nimmt wieder seine Stelle dann. –

Noch starrt die stumme Runde

Den Bleichen an, ob auch verrann

Der Nacht schon manche Stunde;

Bis aus dem Schlummer fährt empor

Der Mann, ders Vaterland verlor.

Da grüßen sie den Fremden mild

Und singen ihm zu Ehre

Gesänge tief und schlachtenwild

Hinaus zur Wüstenleere.

Blutrache, nach der Väter Brauch,

Ist ihres Liedes heißer Hauch.

Doch nun der Pole schärfer lauscht,

Sinds fremde, fremde Töne;

Was ihn im Waffenglanz umrauscht,

Arabiens freie Söhne,

Auf die der Mond der Wüste scheint:

Da wirft er sich zur Erd – und weint.

(1833)

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-458-33686-9
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Insel Verlag