Martin Opitz

Ode XIII (Martin Opitz)

       

    Allhier in dieser wüsten Heyd'

Ist gar kein Mensch nicht weit vnd breit /

Die wilden Thier allein

Die seh' ich selbst Mitleyden tragen /

Die Vögel trawrig seyn /

Vnd mich mit schwacher Stimme klagen /

Die kalten Brunnen stärckher fliessen /

Viel Threnen gleichfals zu vergiessen.

    Stein / Wälder / Wiesen / Feld vnd Thal

Hör' ich beklagen meinen Fall;

Sie fühlen meine Pein /

Die Schafe wollen gar nichts weiden.

Du / Delia / allein

Wirst nicht beweget durch mein Leiden /

Du Kron vnd Zier der Schäfferinnen /

Du strenge Fürstin meiner Sinnen.

    In dich hab' ich mein Ziel gericht /

Mein einig All / meins Lebens Liecht:

Nun hat deß Glückes Neid

Von deiner Seiten mich gerissen;

Drumb wüntsch' ich dieser Zeit

Nicht mehr deß Lebens zu geniessen;

Vom Todte nur werd' ich bekommen

Die Freyheit so du mir genommen.

    Laß' ich gleich aber diese Welt /

Wird meine Trew doch nicht gefellt;

Die Liebe gegen dir

Hab' ich an manchen Baum geschnitten;

Da sieht man für vnd für

Was ich für Angst vnd Pein erlitten:

So lang' Arcadia wird stehen

Soll auch mein Nahme nicht vergehen.

    Es trit Diana selber hin /

Mein Grab zu machen in das grün;

Die Göttin Flora geht

Sich nach Violen vmbzuschawen /

Mein Leichstein ist erhöht /

Darein die Nymphen werden hawen:

Hier hat den Geist dahin gegeben

Den seine Liebste bracht vmbs Leben.

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000361-X
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.