Ludwig Uhland
Trinklied (Ludwig Uhland)

             

Wir sind nicht mehr am ersten Glas,

Drum denken wir gern an dies und das,

Was rauschet und was brauset.

So denken wir an den wilden Wald,

Darin die Stürme sausen,

Wir hören, wie das Jagdhorn schallt,

Die Ross' und Hunde brausen,

Und wie der Hirsch durchs Wasser setzt,

Die Fluten rauschen und wallen,

Und wie der Jäger ruft und hetzt,

Die Schüsse schmetternd fallen.

Wir sind nicht mehr am ersten Glas,

Drum denken wir gern an dies und das,

Was rauschet und was brauset.

So denken wir an das wilde Meer

Und hören die Wogen brausen,

Die Donner rollen drüberher,

Die Wirbelwinde sausen.

Ha! wie das Schifflein schwankt und dröhnt,

Wie Mast und Stange splittern,

Und wie der Notschuß dumpf ertönt,

Die Schiffer fluchen und zittern!

Wir sind nicht mehr am ersten Glas,

Drum denken wir gern an dies und das,

Was rauschet und was brauset.

So denken wir an die wilde Schlacht,

Da fechten die deutschen Männer,

Das Schwert erklirrt, die Lanze kracht,

Es schnauben die mut'gen Renner.

Mit Trommelwirbel, Trommetenschall,

So zieht das Heer zum Sturme;

Hin stürzet von Kanonenknall

Die Mauer samt dem Turme.

Wir sind nicht mehr am ersten Glas,

Drum denken wir gern an dies und das,

Was rauschet und was brauset.

So denken wir an den Jüngsten Tag,

Und hören Posaunen schallen,

Die Gräber springen von Donnerschlag,

Die Sterne vom Himmel fallen.

Es braust die offne Höllenkluft

Mit wildem Flammenmeere,

Und oben in der goldnen Luft,

Da jauchzen die sel'gen Chöre.

Wir sind nicht mehr am ersten Glas,

Drum denken wir gern an dies und das,

Was rauschet und was brauset.

Wir sind nicht mehr am ersten Glas,

Drum denken wir gern an dies und das,

Was rauschet und was brauset.

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-003021-8
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.