Johann Wolfgang von Goethe

Trilogie der Leidenschaft (Johann Wolfgang von Goethe)

An Werther

       

Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten,

Hervor dich an das Tageslicht,

Begegnest mir auf neubeblümten Matten,

Und meinen Anblick scheust du nicht.

Es ist, als ob du lebtest in der Frühe,

Wo uns der Tau auf einem Feld erquickt

Und nach des Tages unwillkommner Mühe

Der Scheidesonne letzter Strahl entzückt;

Zum Bleiben ich, zum Scheiden du erkoren,

Gingst du voran – und hast nicht viel verloren.

Des Menschen Leben scheint ein herrlich Los:

Der Tag wie lieblich, so die Nacht wie groß!

Und wir, gepflanzt in Paradieses Wonne,

Genießen kaum der hocherlauchten Sonne,

Da kämpft sogleich verworrene Bestrebung

Bald mit uns selbst und bald mit der Umgebung;

Keins wird vom andern wünschenswert ergänzt,

Von außen düsterts, wenn es innen glänzt,

Ein glänzend Äußres deckt ein trüber Blick,

Da steht es nah – und man verkennt das Glück.

Nun glauben wirs zu kennen! Mit Gewalt

Ergreift uns Liebreiz weiblicher Gestalt:

Der Jüngling, froh wie in der Kindheit Flor,

Im Frühling tritt als Frühling selbst hervor,

Entzückt, erstaunt, wer dies ihm angetan?

Er schaut umher – die Welt gehört ihm an.

Ins Weite zieht ihn unbefangne Hast,

Nichts engt ihn ein, nicht Mauer, nicht Palast;

Wie Vögelschar an Wäldergipfeln streift,

So schwebt auch er, der um die Liebste schweift,

Er sucht vom Äther, den er gern verläßt,

Den treuen Blick, und dieser hält ihn fest.

Doch erst zu früh und dann zu spät gewarnt,

Fühlt er den Flug gehemmt, fühlt sich umgarnt.

Das Wiedersehn ist froh, das Scheiden schwer,

Das Wieder-Wiedersehn beglückt noch mehr,

Und Jahre sind im Augenblick ersetzt;

Doch tückisch harrt das Lebewohl zuletzt.

Du lächelst, Freund, gefühlvoll wie sich ziemt:

Ein gräßlich Scheiden machte dich berühmt;

Wir feierten dein kläglich Mißgeschick.

Du ließest uns zu Wohl und Weh zurück.

Dann zog uns wieder ungewisse Bahn

Der Leidenschaften labyrinthisch an;

Und wir, verschlungen wiederholter Not,

Dem Scheiden endlich – Scheiden ist der Tod!

Wie klingt es rührend, wenn der Dichter singt,

Den Tod zu meiden, den das Scheiden bringt!

Verstrickt in solche Qualen, halbverschuldet,

Geh ihm ein Gott, zu sagen, was er duldet.

 

Elegie

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,

Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide.

 

               

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,

Von dieses Tages noch geschlossner Blüte?

Das Paradies, die Hölle steht dir offen;

Wie wankelsinnig regt sichs im Gemüte! –

Kein Zweifel mehr! Sie tritt ans Himmelstor,

Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

So warst du denn im Paradies empfangen,

Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;

Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,

Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,

Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen

Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,

Schien die Minuten vor sich her zu treiben!

Der Abendkuß, ein treu verbindlich Siegel:

So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.

Die Stunden glichen sich im sanften Wandern,

Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.

Der Kuß, der letzte, grausam süß, zerschneidend

Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen –

Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,

Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen;

Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,

Es blickt zurück: die Pforte steht verschlossen.

Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte

Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden

Mit jedem Stern des Himmels um die Wette

An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;

Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere

Belastens nun in schwüler Atmosphäre.

Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,

Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?

Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,

Zieht sichs nicht hin am Fluß durch Busch und Matten?

Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,

Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben

Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,

Als glich es ihr, am blauen Äther droben

Ein schlank Gebild aus lichtem Dunst empor;

So sahst du sie in frohem Tanze walten,

Die lieblichste der lieblichen Gestalten.

Doch nur Momente darfst dich unterwinden

Ein Luftgebild statt ihrer festzuhalten;

Ins Herz zurück! dort wirst du's besser finden,

Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten:

Zu Vielen bildet Eine sich hinüber,

So tausendfach, und immer, immer lieber.

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte

Und mich von dannauf stufenweis beglückte,

Selbst nach dem letzten Kuß mich noch ereilte,

Den letzesten mir auf die Lippen drückte:

So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben

Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

Ins Herz, das fest, wie zinnenhohe Mauer,

Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,

Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,

Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,

Sich freier fühlt in so geliebten Schranken

Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.

War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen

Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,

Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,

Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!

Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,

Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

Und zwar durch sie! – Wie lag ein dumpfes Bangen

Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere,

Von Schauerbildern rings der Blick umfangen

Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;

Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle:

Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden

Mehr als Vernunft beseliget – wir lesens –

Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden

In Gegenwart des allgeliebten Wesens;

Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören

Den tiefsten Sinn: den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busen Reine wogt ein Streben,

Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten

Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,

Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;

Wir heißens: fromm sein! – Solcher seligen Höhe

Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Vor ihrem Blick wie vor der Sonne Walten,

Vor ihrem Atem wie vor Frühlingslüften,

Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,

Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;

Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,

Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

Es ist, als wenn sie sagte: Stund um Stunde

Wird uns das Leben freundlich dargeboten

Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,

Das Morgende – zu wissen ist verboten!

Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,

Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

Drum tu wie ich und schaue, froh verständig

Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!

Begegn ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,

Im Handeln sei's, zur Freude, sei's dem Lieben!

Nur wo du bist, sei alles immer kindlich,

So bist du alles, bist unüberwindlich.«

Du hast gut reden, dacht ich: zum Geleite

Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,

Und jeder fühlt an deiner holden Seite

Sich Augenblicks den Günstling des Geschickes;

Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen –

Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,

Was ziemt denn der? Ich wüßt es nicht zu sagen.

Sie bietet mir zum Schönen manches Gute;

Das lastet nur, ich muß mich ihm entschlagen

Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,

Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam –

Doch nie geläng's, die innre Glut zu dämpfen!

Schon rasts und reißt in meiner Brust gewaltsam –

Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.

Wohl Kräuter gäbs, des Körpers Qual zu stillen;

Allein dem Geist fehlts am Entschluß und Willen,

Fehlts am Begriff: wie sollt er sie vermissen?

Er wiederholt ihr Bild zu tausend Malen.

Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,

Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen.

Wie könnte dies geringstem Troste frommen,

Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen?

*

Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen,

Laßt mich allein am Fels, in Moor und Moos!

Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen,

Die Erde weit, der Himmel rein und groß;

Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,

Naturgeheimnis werde nachgestammelt.

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,

Der ich noch erst den Göttern Liebling war;

Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,

So reich an Gütern, reicher an Gefahr;

Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,

Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.

 

Aussöhnung

       

Die Leidenschaft bringt Leiden! – Wer beschwichtigt

Beklommnes Herz, das allzuviel verloren?

Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?

Vergebens war das Schönste dir erkoren!

Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen;

Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!

Und so das Herz erleichtert merkt behende,

Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,

Zum reinsten Dank der überreichen Spende

Sich selbst erwidernd willig darzutragen.

Da fühlte sich – o daß es ewig bliebe! –

Das Doppelglück der Töne wie der Liebe.

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Gesammelte Werke in sieben Bänden"
Herausgeber: Bertelsmann Lesering