Gottfried August Bürger
Der wohlgesinnte Liebhaber - Volkslied (Gottfried August Bürger)

Volkslied

               

In Nebelduft und Nacht versank

Das Dörfchen und die Flur.

Kein Sternchen war mehr blink und blank,

Als Liebchens Äuglein nur.

Da tappt ich still mich hin zu ihr;

Warf Nüß ans Fensterlein;

Sie weht' im Hemdchen an die Tür,

Und ließ mich still hinein.

Husch! sie voran; husch! ich ihr nach,

Wie leichter Frühlingswest,

Hinauf zur Kammer unterm Dach,

Hinein ins warme Nest!

»Rück hin! Rück hin!« - »Ei, schönen Dank!« -

»O ja! O ja!« - »Nein, nein!« -

Mit Bitten halb und halb mit Zank

Schob ich mich doch hinein.

»Hinaus«, rief Liebchen schnell, »hinaus!

Hinaus aufs Schemelbrett!

Ich ließ dich Schelm wohl in das Haus,

Allein nicht in mein Bett.« -

»O Bett«, rief ich, »du Freudensaal,

Du Grab der Sehnsuchtspein!

Verwahrt' auch Eisen dich und Stahl,

So müßt ich doch hinein.« -

Drauf küßt ich sie, von heißer Lust

Durch Mark und Bein entbrannt,

Auf Stirn, auf Auge, Mund und Brust,

Und hielt sie fest umspannt. -

»Ach, Schelmchen, nichts zu arg gemacht,

Damit wir nichts bereun!

Du sollst auch wieder morgen nacht

Und alle Nacht herein.« - - -

Doch ach! noch war kein Monat voll,

Da merkte Liebchen klar,

Daß ihr es unterm Schürzchen wohl

Nicht allzu richtig war.

»O weh, du hast es arg gemacht!

Nun droht mir Schmach und Pein.

Ach, hätt ich nie erlebt die Nacht,

Da ich dich ließ herein!« -

Ich nahm getrost, so wie sie war,

Mein Liebchen an die Hand,

Und gab ihr vor dem Traualtar

Der Weiber Ehrenstand.

Kaum war der Fehl gebenedeit

So schwanden Angst und Pein;

Und - wohl mir! - sie hat's nie bereut,

Daß sie mich ließ hinein.

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-000228-1
Erschienen im Buch "Gedichte"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.