Gottfried Keller
Von Kindern (Gottfried Keller)

1.

Man merkte, dass der Wein geraten war:

Der alte Bettler wankte aus dem Tor,

Die Wangen glühend, wie ein Rosenflor,

Mutwillig flatterte sein Silberhaar.

Und vor und hinter ihm die Kinderschar

Umdrängt' ihn, wie ein KleinBacchantenchor,

Draus ragte schwank der Selige empor,

Sich spiegelnd in den hundert Äuglein klar.

Am Morgen, als die Kinderlein noch schliefen,

Von jungen Träumen drollig angelacht,

Sah man den braunen Wald von Silber triefen.

Es war ein Reif gefallen über Nacht;

Der Alte lag erfroren in dem tiefen

Gebüsch, vom Rausch im Himmel aufgewacht.

2.

Die Abendsonne lag am Bergeshang,

Ich stieg hinan und auf den goldnen Wegen

Kam weinend mir ein zartes Kind entgegen,

Das, mein nicht achtend, schreiend abwärts sprang.

Ums Haupt war duftig ihm ein Schein gelegen

Von Abendgold, das durch die Löcklein drang.

Ich sah ihm nach, bis ich den Gramgesang

Des Kleinen nur noch hörte aus den Hägen.

Zuletzt verstummte er; denn freundlich Kosen

Hört' ich den Schreihals liebevoll empfangen;

Dann tönt' empor der Jubelruf des Losen.

Ich aber bin vollends hinaufgegangen,

Wo oben blühten just die letzten Rosen,

Fern, wild und weh der Falken Stimmen klangen.

3.

Ich sah jüngst einen Schwarm von frischen Knaben,

Gekoppelt und gezäumt wie ein Zug Pferde;

Sie wieherten und scharrten an der Erde

Und taten sonst, was Pferde an sich haben.

Und mehr noch; was sonst diesen ist Beschwerde,

Das schien die Buben köstlich zu erlaben;

Denn lustig sah ich durch die Gasse traben

Auf einen Peitschenknall die ganze Herde.

Wenn nur dies frühe Sinnbild niedrer Triebe,

Anstatt mit schlimmer Wirklichkeit zu enden,

Einst mit den Kinderschuhn verloren bliebe!