Gottfried Keller
Spielmannslied (Gottfried Keller)

Im Frührot stand der Morgenstern

Vor einem hellen Frühlingstag,

Als ich, ein flüchtig Schülerkind,

Im silbergrauen Felde lag;

Die Wimper schwankte falterhaft,

Und ich entschlief an Ackers Rand,

Der Sämann kam gemach daher

Und streute Körner aus der Hand.

Gleich einem Fächer warf er weit

Den Samen hin im halben Rund,

Ein kleines Trüppchen fiel auf mich

Und traf mir Augen, Stirn und Mund;

Erwachend rafft' ich mich empor

Und stand wie ein verblüffter Held,

Vorschreitend sprach der Bauersmann:

"Was bist du für ein Ackerfeld?

Bist du der steinig harte Grund,

Darauf kein Sämlein wurzeln kann?

Bist du ein schlechtes Dorngebüsch,

Das keine Halme lässt hinan?

Du bist wohl der gemeine Weg,

Der wilden Vögel offner Tisch!

Bist du nicht dies und bist nicht das,

Am End' nicht Vogel und nicht Fisch?"

Unfreundlich schien mir der Gesell

Und drohend seiner Worte Sinn;

Ich ging ihm aus den Augen sacht

Und floh behend zur Schule hin.

Dort gab der Pfarr den Unterricht

Im Bibelbuch zur frühen Stund';

Von Jesu Gleichnis eben sprach

Erklärend sein beredter Mund.

Die Jahre schwanden und ich zog

Als Zitherspieler durch das Land,

Als ich in einer stillen Nacht

Die alte Fabel wieder fand

Vom Sämann, der den Samen warf;

Da ward mir ein Erinnern licht,

Ich spürte jenen Körnerwurf

Wie Geisterhand im Angesicht.

Da wächst kein Gras, gedeiht kein Korn,

Statt Furchen ziehn Geleise hin

Von harten Rädern ausgehöhlt,

Und nackte Füsse wandern drin;

Das kommt und geht, doch fällt einmal

Ein irrend Samenkörnlein drauf,

So fliegt ein hungrig Vöglein her

Und schwingt sich mit zum Himmel auf."