Gottfried Keller
Sonnenaufgang (Gottfried Keller)

Fahre herauf, du kristallener Wagen,

Klingender Morgen, so frisch und so klar!

Seidene Wimpel, vom Oste getragen,

Flattre, du rosige Wölkleinschar!

Siehe die Meere, sie wogen und branden,

Aber still das Gebirge steht,

Tau ist gesprengt auf den funkelnden Landen,

Weihbrunn zum heiligen Sonnengebet.

Tausendfach wollen die Blumen entriegeln

Aus ihrer Brust den gefangenen Gott;

Doch die vergoldeten Kreuze bespiegeln

Sich auf den Domen mit gleissendem Spott.

Singen nicht Lerchen dort hoch in den Lüften,

Schwenkend in freiem und fröhlichem Zug?

Nein, aber aufwärtsgeschwungen aus Klüften,

Sonnt sich ein kreischender Rabenflug.

Springt nicht ein Fischlein aus silberner Welle,

Das sich am lieblichen Lichte erfreut?

Ja, 's ist der Hecht, der bewehrte Geselle,

Der den alltäglichen Raub erneut.

Fahr'! Ein Josua träumet auf Erden,

Dem es schon ahnend in Ohren erklingt;

Aufspringt er einst, in die Zügel den Pferden,

Welche zum Stehn der Gewaltige zwingt!