Gottfried Keller
Feuer-Idylle (Gottfried Keller)

Feuer-Idylle

1.

Laut stürmt der Schall der Glocken durch die Nacht'

Und Schüsse dröhnen von des Berges Wacht;

In allen Gassen tönt's: es brennt! es brennt!

Und jeder angstvoll an sein Fenster rennt.

Der erste Blick: ist es in unserm Haus?

Der zweite mindert schon den Schreck und Graus,

Wenn weit, o weit die "furchtbar schöne" Glut

Behaglich dort am fernen Himmel ruht.

Nun strömt der Neugier Bächlein ungehemmt,

Und ungewaschen wohl und ungekämmt,

Der ohne Strümpfe, jener ohne Schuh',

Läuft alles dem willkommnen Schauspiel zu.

Und manchem ehrlichen Philister bangt,

Es könnte enden, eh' er angelangt;

Auch der Poet, er watschelt mit hinaus

Und sendet seinen Kennerblick voraus.

Da wallt vom Berg mit ungebrochnem Lauf

Die rote Lohe hell zum Himmel auf;

Von Feuerlilien ein gewalt'ger Strauss,

So blüht und glüht das grosse Bauernhaus.

Es ist die allerschönste Maiennacht,

Von Gold durchwirkt, tiefblau der Himmel lacht;

Eng zwischen Gärten ganz im Frühlingsflor

Zu Feuers Hofstatt führt der Weg empor.

Da sitzt der helle Geist auf seinem Raub

Und macht den morschen Kram zu Asch' und Staub;

Umsonst belästigt ihn der Menschenschwarm,

Er wehrt ihn ruhig ab mit glühndem Arm.

Es brennt der Hof dem reichen Bauersmann,

Der nie genug sehn und erraffen kann;

Längst hat der Sohn ein neues Haus begehrt,

Wogegen sich der Alte stets gewehrt.

Nun steht er da und schlottert jämmerlich,

Weiss nicht zu raten noch zu helfen sich;

Doch alle sind in guter Sicherheit,

Kein Nachbarhaus gefährdet weit und breit.

Drum lasst uns keck ein wenig näher gehn,

Die heisse Wirtschaft besser zu besehn,

Zu lesen in des Feuers Angesicht

Und was es heimlich mit den Sternen spricht!

2.

Von Holz und Reisig eine hohe Wand

Seit langen Jahren um die Scheune stand;

Schon vieles macht' Verwittrung unbrauchbar,

Doch jeder Herbst bringt neue Lasten dar.

Der letzte Winter brachte grosse Not,

Und manche arme Witwe frierend bot

Ihr armes Geld dem Mann für wenig Holz,

Er gab's nicht her in seinem Bauernstolz.

Nun flammt es auf in wildem Funkenflug

Mit Scheun' und Stall, Pferd, Wagen, Vieh und Pflug;

Die armen Weiber stehn und schaun es an

Und wärmen lächelnd ihre Hände dran.

Dies Lächeln mag die bleichste Blume sein,

Die zieren wird des Mannes Totenschrein. -

Weh dem, der solchen Blütenflor gesät,

Wenn einst die Saat in reifen Früchten steht!

3.

Von alter Zeit her war des Hauses Wand

Von wuchernd dichtem Efeu überspannt;

Den liebt' der Bauer, sonst so liebeleer,

Weil er so gierig, alt und zäh, wie er!

Nun brennt das dunkle Unkraut lichterloh

Und flackert in der Luft wie leichtes Stroh;

Wer glaubte, dass der alte, schwere Kranz

So lustig hielte seinen Totentanz?

Oho, was fliegt für Ungeziefer aus?

In ganzen Schwärmen flieht die Fledermaus!

Kreuzspinnen, Käfer, was da kriechen mag,

Erlebt im Feuer seinen jüngsten Tag.

Was von Gespenstern und von Koboldsbrut,

Von alten Sünden auf dem Hause ruht,

Und was es sonst für Spuk und Sagen gab,

Brennt mit den dicken Efeuranken ab.

Was mag wohl schimmern dort, und, seh' ich recht?

Was löst sich aus dem brennenden Geflecht

Und poltert da zu meinen Füssen her?

Ein tüchtig Kruzifix von Silber schwer!

Einst riss der Ahn, es sind dreihundert Jahr,

Das Bild als Bilderstürmer vom Altar;

Es blieb im grünen Rankenwerk versteckt,

Nun endlich hat's das Feuer aufgedeckt.

Zwar munkelt man, dass in verschlossner Brust

Die Enkel jederzeit davon gewusst:

Sie hätten's nächtlich auf den Tisch gesetzt

Und sich an dem Geflunker oft ergötzt,

Eins tut mir leid: Manch zierlich Schwalbennest

Hing traulich in den wirren Ranken fest;

Wenn nun die liebe Schwalbe wiederkehrt,

So findet sie ihr kleines Haus verheert.

Doch tröste dich, o Vöglein altvertraut,

Ist erst der neue Giebel aufgebaut,

G'nug Winkel noch und Ecken findest du,

Daran du bauen kannst in guter Ruh!

4.

Da ist ein Buch, geschwärzt und halb verbrannt,

Wonach der Mann in Todesangst gesandt;

Ein Jüngling wagte dran sein junges Blut

Und trug's mit kecken Händen aus der Glut.

Und gierig stürzt der Mann sich auf das Buch

Und - wirft es weg mit einem derben Fluch;

Sein dickes Schuldnerbuch hat er gemeint,

Nun liegt die Bibel vor dem guten Freund!

Wie arg und undankbar ist diese Welt!

Wie schmählich nun der alte Mann sich stellt!

Erinnert ihn die Bibel nicht mehr dran,

Wie gütlich er sich oft an ihr getan?

Wenn er am Sonntagabend vor ihr sass.

Und schmunzelnd dann von dem Kamele las,

Dem Nadelöhre und dem Himmelreich,

Wie ward ihm das Gemüt da froh und weich!

Wie manchen Bettler, hungerig und matt,

Macht' er mit schönen Bibelsprüchen satt,

Beteuernd hoch und feierlich dabei,

Dass dies das wahre Brot des Lebens sei!

Nun liegt das alte Buch zertreten hier,

Im Feuer blieb der Spangen Silberzier,

Zerrissnen Angesichtes liegt im Kot

Das einst so hochgepriesne Lebensbrot.

5.

Und einer kommt und raunt mit trübem Mut,

Wie rettungslos ein königliches Blut,

Indes das Haus in Rauch und Schutt verfliegt,

Tief unter ihm in schnöden Banden liegt.

Goldfarbner Löwe, seufzt der edle Wein,

Seit Jahr und Tag im dunkler Eichenschrein,

Und ob ihm trampelte der geiz'ge Wicht,

Liess keinen Tropfen an das Tageslicht.

Wenn still der Sonnenschein das Haus umfing

Und singend ein Gesell vorüberging,

Ein fröhlich Dürstender mit warmem Blut,

Dann wallt' es unten auf mit süsser Wut:

"O lasst mich an des Tages heitern Blick,

Ich bring' euch Freiheit, Freude, Lieb' und Glück!

Lasst schäumend mich entgegensprühn dem Lied,

Das aus der frohen Menschenkehle zieht!"

Umsonst verhiess er reichen Minnelohn,

Gefesselt blieb der goldne Sonnensohn;

Nicht wahr, ihr alle, die ihr Herrscher heisst,

Es ruht sich wohl auf unterdrücktem Geist?

Nun wankt und stürzt das morsche Sündenhaus,

Doch unter seinen Trümmern atmet aus,

Vergessen, was so lang das Licht gesucht. -

Heil unsrer jungen Reben süsser Frucht!

6.

Ein Apfelbaum in voller Blüte steht,

Ein leichter West in seinen Zweigen weht;

Er schaut, verklärt vom blendend roten Schein,

Verwundert in den wilden Brand hinein.

Es ist, als ob der helle Glanz ihn freut',

Weil Blütenblätter in die Glut er streut;

Er atmet ein des Feuers heissen Hauch,

Durch seine Krone zieht der schwarze Rauch.

Da plötzlich langt herüber aus dem Brand

In seine Äste tief die Flammenhand,

Zu Kohlen brennt der schöne Blütenbaum -

Hin ist ein dichterlicher Lebenstraum!

7.

Dort gegen Westen, traulich unterm Dach

Liegt hoch und abgeschieden das Gemach,

Das sich des Hauses Töchter jederzeit

Zu ihrem Allerheiligsten geweiht.

Es ist ein eng und niedrig Kämmerlein

Mit runden Scheiben und uraltem Schrein,

Drin Putz und Mädchenkleinod aller Art,

In buntbemaltem Schachtelwerk verwahrt.

Am Fenster steht das Spinnrad und davor

Auf einem Brett der lang gehegte Flor,

Levkojen, Nelken, Rosen ohne End',

Und wie man all das lose Zeug benennt.

Manch nächtlich Lied hat hier hinaufgetönt

Und jene Fensterchen sind dran gewöhnt,

Geräuschlos blinkend, heimlich aufzugehn,

Geöffnet halbe Nächte durch zu stehn.

Und manche Leiter wurde aufgetürmt,

Die stille Liebeswarte kühn gestürmt;

Ob stets das Rosengitter widerstand,

Gehört zu den Geheimnissen im Land.

Auch jetzt ist eine Leiter angelegt,

Die einen Schwarm berusster Männer trägt;

Im roten Mantel stürmet in die Tür

Ein Freiersmann mit flammendem Panier.

Und vor ihm fährt ein Knäuel, wirr und kraus

Erschreckter Liebesgötter fliehend aus;

Das flattert irrend in der Frühlingsluft,

Auch riecht es, wie verbrannten Ambers Duft.

Das ganze Fenstergärtlein stürzt herab

Und find't in einer Höllenglut sein Grab;

So ging's den Gärten der Semiramis

Und ging es noch mit jedem Paradies.

8.

Welch lieblich Wunder nimmt mein Auge wahr?

Dort fliesst ein Brünnlein, gar so frisch und klar,

Ein holzgeschnitzter Meergott giesst den Trank

In eine ausgehöhlte Eichenbank!

Der Westwind hat die Glut herangeweht,

Der alte Gott in vollen Flammen steht,

Und aus der Feuersäule quillt der Schwall,

Des Wasserstrahls lebendiger Kristall!

Wie fröhlich tönt der schöne Silberstrang,

Gleich jenem Kleeblatt, das im Feuer sang!

Du klares Leben, ew'ger Wellenschlag,

Was sendet aus der Tiefe dich zu Tag?

Ich glaubt', ein Brunnenhaus sei feuerfest,

Nun ist ein Häuflein Kohlen hier der Rest!

Die Quelle aber rieselt frisch und rein

Auch über Kohlen in die Welt hinein.

Wer weiss, wie lange schon der Bergquell springt?

Wer weiss, wie lang er noch zum Lichte dringt?

Auf, schnitzelt einen neuen Brunnenmann,

Der wieder hundert Jahr ihn fassen kann!

9.

Zu loben ist der Männer kühner Mut,

Womit sie ringen, aus der Feuersglut

Zu retten, was man irgend retten kann,

Doch ist nicht redenswert, was man gewann.

Das Beste ist ein alter Totenkranz,

Erinnerung an froher Jugend Glanz,

An den, wie ein verstummter Harfenton,

In voller Hoffnung früh verblichnen Sohn.

Mit welken Blättern liegt er in der Au,

Und auf ihn fällt der kühle Maientau;

Die blassen Bänder wehn im Morgenwind,

Daneben fröstelnd wacht ein schwaches Kind.

Wie leicht und dürr der alte Kranz mag sein,

Man wird ihm wieder eine Stelle weihn

Im neuen Bau, hoch an der Stubenwand,

Als des Vergangnen letztem leichten Pfand.

Da wird er still aufs junge Leben sehn

Und dieses ehrend ihm vorübergehn,

Bis, was einst grün war, endlich ganz zerstiebt

Und man den nackten Reif dem Feuer gibt.

10.

Die Flamm' ist tot, der Krater ist verglüht,

Die Himmelsrose drüber aufgeblüht;

Sie glänzt auf Asche, wo die Wohnung stand,

Verschwunden ist das morsche Werk der Hand.

Woran der Mensch ruhlos die Hände legt,

Und was er diebisch scheu zusammen trägt:

Hin ist nun alles, was nach Richt' und Mass

Gefügt, gebunden aufeinander sass.

Doch ihr erglänzet mir unwandelbar,

Ihr Morgenlande, wonniglich und klar!

Ihr Berg' und Täler rings im Knospendrang,

Voll Quellenrauschen und voll Vogelsang!

Das ist die Nachhut, die den Rücken deckt;

Drum auf zum Werke, Menschheit, unerschreckt

Bau auf, reiss nieder und bau wieder auf:

Das Jahr geht immer seinen Segenslauf!