Gottfried Keller
Die Thronfolger (Gottfried Keller)

Hoffnungsblumen, Morgenröten,

Die am dunkeln Himmel blühn!

Und das Volk in seinen Nöten

Schaut erwartungsvoll das Glühn,

Harrt in Demut auf die Sonne,

Die da auferstehen soll,

Und von bessrer Zeiten Wonne

Wird sein leerer Becher voll.

Horch! Was flüstern diese Massen,

Und was reitet vom Palast

Schwarz ein Herold durch die Gassen,

Rufend mit gedämpfter Hast?

Hört! Der König ist gestorben,

Tot der alte Eigensinn!

Hat der Sohn das Reich erworben,

Ist auch unsre Not dahin!

Morgenjubel ist verklungen,

Wetter hielt sich leidlich gut,

Und die Alten nebst den Jungen

Schlendern heimwärts wohlgemut.

Sieh, da tröpfelt's auf die Nase -

Spute sich, wer laufen mag!

Und dem kurzen Morgenspasse

Folgt ein langer Regentag.