Gottfried Keller
Alte Weisen (Gottfried Keller)

1 MIR GLÄNZEN DIE AUGEN

Mir glänzen die Augen

Wie der Himmel so klar;

Heran und vorüber,

Du schlanker Husar!

Heran und vorüber

Und wieder zurück!

Vielleicht kann's geschehen,

Du findest dein Glück!

Was weidet dein Rapp' mir

Den Reseda dort ab?

Soll das nun der Dank sein

Für die Lieb', so ich gab?

Was richten deine Sporen

Mein Spinngarn zu Grund?

Was hängt mir am Hage

Deine Jacke so bunt?

Troll' nur dich von hinnen

Auf deinem groben Tier

Und lass meine freudigen

Sternaugen mir!

2 DIE LOR' SITZT IM GARTEN

Die Lor' sitzt im Garten,

Kehrt den Rücken zumal

Und verbirgt mir der Augen

Himmlischen Strahl.

Ihr goldbrauner Haarwuchs

Weht über den Zaun;

Den Rotmund, das Weisskinn

Doch lässt sie nicht schaun.

Sie lässet erklingen

Ihrer Stimme Getön;

O du boshafte Hexe,

Wie klingt es so schön!

3 DU MILCHJUNGER KNABE

Du milchjunger Knabe,

Wie siehst du mich an?

Was haben deine Augen

Für eine Frage getan!

Alle Ratsherrn der Stadt

Und alle Weisen der Welt

Bleiben stumm auf die Frage,

Die deine Augen gestellt!

Ein leeres Schneckhäusel,

Schau', liegt dort im Gras;

a halte dein Ohr dran,

Drin brümmelt dir was!

4 ICH FÜRCHT' NIT GESPENSTER

Ich fürcht' nit Gespenster,

Keine Hexen und Feen,

Und lieb's, in ihre tiefen

Glühaugen zu sehn.

Am Wald in dem grünen

Unheimlichen See,

Da wohnet ein Nachtweib,

Das ist weiss wie der Schnee.

Es hasst meiner Schönheit

Unschuldige Zier;

Wenn ich spät noch vorbeigeh',

So zankt es mit mir.

Jüngst, als ich im Mondschein

Am Waldwasser stand,

Fuhr sie auf ohne Schleier,

Ohne alles Gewand.

Es schwammen ihre Glieder

In der taghellen Nacht;

Der Himmel war trunken

Von der höllischen Pracht.

Aber ich hab' entblösset

Meine lebendige Brust;

Da hat sie mit Schande

Versinken gemusst!

5 SINGT MEIN SCHATZ WIE EIN FINK

Singt mein Schatz wie ein Fink,

Sing' ich Nachtigallensang;

Ist mein Liebster ein Luchs,

O so bin ich eine Schlang'!

O ihr Jungfraun im Land,

Vom Gebirg und über See,

Überlasst mir den Schönsten,

Sonst tut ihr mir weh!

Er soll sich unterwerfen

Zum Ruhm uns und Preis!

Und er soll sich nicht rühren,

Nicht laut und nicht leis!

O ihr teuern Gespielen,

Überlasst mir den stolzen Mann,

Er soll sehn, wie die Liebe

Ein feurig Schwert werden kann!

6 TRETET EIN, HOHER KRIEGER

Tretet ein, hoher Krieger,

Der sein Herz mir ergab!

Legt den purpurnen Mantel

Und die Goldsporen ab.

Spannt das Ross in den Pflug,

Meinem Vater zum Gruss!

Die Schabrack' mit dem Wappen

Gibt' nen Teppich meinem Fuss!

Euer Schwertgriff muss lassen

Für mich Gold und Stein,

Und die blitzende Klinge

Wird ein Schüreisen sein.

Und die schneeweisse Feder

Auf dem blutroten Hut

Ist zu 'nem kühlenden Wedel

In der Sommerzeit gut.

Und der Marschalk muss lernen,

Wie man Weizenbrot backt,

Wie man Wurst und Gefüllsel

Um die Weihnachtszeit hackt!

Nun befehlt Eure Seele

Dem heiligen Christ!

Euer Leib ist verkauft,

Wo kein Erlösen mehr ist!

7 RÖSCHEN BISS DEN APFEL AN

Röschen biss den Apfel an,

Und zu ihrem Schrecken

Brach und blieb ein Perlenzahn

In dem Butzen stecken.

Und das gute Kind vergass

Seine Morgenlieder;

Tränen ohne Unterlass

Perlten nun hernieder.

8 WANDL' ICH IN DEM MORGENTAU

Wandl' ich in dem Morgentau

Durch die dufterfüllte Au',

Muss ich schämen mich so sehr

Vor den Blümlein ringsumher!

Täublein auf dem Kirchendach,

Fischlein in dem Mühlenbach

Und das Schlänglein still im Kraut,

Alles fühlt und nennt sich Braut.

Apfelblüt' im lichten Schein

Dünkt sich stolz ein Mütterlein;

Freudig stirbt so früh im Jahr

Schon das Papilionenpaar.

Gott, was hab' ich denn getan,

Dass ich ohne Lenzgespan,

Ohne einen süssen Kuss

Ungeliebet sterben muss?

9 DAS KÖHLERWEIB IST TRUNKEN

Das Köhlerweib ist trunken

Und singt im Wald,

Hört wie die Stimme gellend

Im Grünen hallt!

Sie war die schönste Blume,

Berühmt im Land;

Es warben Reich' und Arme

Um ihre Hand.

Sie trat in Gürtelketten

So stolz einher;

Den Bräutigam zu wählen,

Fiel ihr zu schwer.

Da hat sie überlistet

Der rote Wein -

Wie müssen alle Dinge

Vergänglich sein!

Das Köhlerweib ist trunken

Und singt im Wald;

Wie durch die Dämmrung gellend

Ihr Lied erschallt!

10 DAS GÄRTLEIN DICHT VERSCHLOSSEN

Das Gärtlein dicht verschlossen

Hältst wohl du, frommes Kind,

Da diese Heckensprossen

So eng verwachsen sind?

Doch blüht die Unschuld immer

Darin, soviel ich seh';

Sonst war es Lilienschimmer,

Nun ist es weisser Schnee!

Als hätt' der gnadenreichen

Maria reinste Hand

Im Sonnenschein zum Bleichen

Ihr Hemdlein ausgespannt.

11 WIE GLÄNZT DER HELLE MOND

Wie glänzt der helle Mond so kalt und fern,

Doch ferner schimmert meiner Schönheit Stern!

Wohl rauschet weit von mir des Meeres Strand,

Doch weiterhin liegt meiner Jugend Land!

Ohn' Rad und Deichsel gibt's ein Wägelein,

Drin fahr' ich bald zum Paradies hinein.

Dort sitzt die Mutter Gottes auf dem Thron,

Auf ihren Knien schläft ihr sel'ger Sohn.

Dort sitzt Gott Vater, der den heil'gen Geist

Aus seiner Hand mit Himmelskörnern speist.

In einem Silberschleier sitz' ich dann

Und schaue meine weissen Finger an.

Sankt Petrus aber gönnt sich keine Ruh,

Hockt vor der Tür und flickt die alten Schuh'.

12 ALLE MEINE WEISHEIT

Alle meine Weisheit hing in meinen Haaren,

Und all mein Wissen lag auf meinem roten Mund;

Alle meine Macht sass auf dem wasserklaren,

Ach, auf meiner Augen blauem, blauem Grund!

Nun hängt totenstill das Haar mir armem Weibe,

Wie auf dem Meer ein Segel, wenn keine Luft sich regt,

Und einsam pocht mein Herz in dem verlassnen Leibe,

Wie eine Kuckucksuhr in leerer Kammer schlägt!