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Ferdinand Freiligrath Anno Domini... (Ferdinand Freiligrath)(Aus "Gedichte", 1838) Hört mich, Kleingläubige! - Wie vormals im Gefilde Der Marne bei Chalons die Sünderin Brunhilde Durch Knechte binden ließ mit ihrem grauen Haar An einen wilden Hengst, daß an dem dichten Schweife Er galoppierend sie durchs Frankenlager schleife, Der Sohn des Chilperich, der andere Chlotar; Der Hengst riß wiehernd aus; die Hinterhufe schlugen Das nachgeschleppte Weib; verrenkt in seinen Fugen Ward jedes Glied an ihr; um ihr entstellt Gesicht Flog ihr gebleichtes Haar, die spitzen Steine tranken Ihr königliches Blut, und schaudernd sahn die Franken Chlotars, des Zürnenden, erschrecklich Strafgericht; Jetzt auf ihr Antlitz, das blutrünst'ge, fiel der roten Wachtfeuer Glut, die da vor jedem Zelte lohten; Jetzt wusch mit eis'gem Guß den Staub von ihrer Stirn Ein Arm des Marnestroms; weit vorgequollen stierte Ihr Aug', und das Kamel, drauf man sie morgens führte Durchs ganze Heer, ward jetzt bespritzt von ihrem Hirn: So wird dereinst, hört mich, ihr Kalten und Verständ'gen, Der Herr ein feurig Roß, das flammend in unbänd'gen Kourbetten schießt durch den Abgrund des Raumes hin, Den feurigsten von den Kometen wird er senden, Und wird an dessen Schweif mit seines Zornes Händen Die Erde fesseln, die bejahrte Sünderin. Aus ihrer Bahn, die sie sklavisch hat wandeln müssen Vom Anbeginn, wird sie durch seine Kraft gerissen; Sie muß ihm folgen als Trabant; tief in den Raum Schleift er sie mit sich fort; er schnaubt, und Funken sprühen Durchs All; sein Schweif durchweht es stolz; denn mit sich ziehen Die Erde darf er - Gott verhängte seinen Zaum. Wer hält den Rasenden? Die Sonne tritt zurücke, Und steht zuletzt so fern, daß sie nicht eines Blicke Mehr sichtbar ist; dann wird es kalt und finster sein, Und je zuweilen nur, wenn sie den Grenzen neuer, Entfernter Sonnen nahn, wird, wie des Lagers Feuer Dem Antlitz der Brunhild, so dieser Sonnen Schein Dem zuckenden Gesicht der Erde, der halbtoten, Ein flackernd gräßlich Licht zuwerfen; im blutroten Gewande steht alsdann der Himmel; siedend zischt Die See. Vorüber schießt der Wilde, von der Hitze Gejagt. Nacht folgt aufs neu' dem momentanen Blitze; Schwarz wird die Erde, gleich der Kohle, die erlischt, Und bebt vor Kälte; bis, wenn lange Zeit verronnen, Sie wieder deine Glut fühlt, mildeste der Sonnen, Einst ihre Mutter du! Bei deinem ersten Strahl Zuckt sie vor Lust; das Eis zerschmilzt, die Quellen rinnen Wie Freudentränen; doch zum andern Mal von hinnen Reißt sie das Flammenroß, und neu wird ihre Qual. Ein Flammengürtel blitzt und wallt von Pol zu Pole; Die Berge stürzen sich mit Zischen in die Sole Des Meers; bis an den Mond weht Lohe, Schaum und Rauch Und - doch, dann will ich mich empor im Grabe richten, Und will, wenn ich es kann, dies Lied zu Ende dichten - Ich zittre; mit der Hand bedeck ich Stirn und Aug'. Verfügbare Informationen: Erschienen im Buch "Gedichte" ISBN: 3 15 004911 3 Herausgeber: Philipp Reclam jun. Mehr Freiligrath Gedichte? Bitte klicken Sie Ferdinand Freiligrath. Gedichte aller Autoren finden Sie in unserem Index. |
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