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Eduard Mörike Der alte Turmhahn (Eduard Mörike)[Idylle] Zu Cleversulzbach im Unterland Hundertunddreizehn Jahr ich stand, Auf dem Kirchenturn ein guter Hahn, Als ein Zierat und Wetterfahn. In Sturm und Wind und Regennacht Hab ich allzeit das Dorf bewacht. Manch falber Blitz hat mich gestreift, Der Frost mein' roten Kamm bereift, Auch manchen lieben Sommertag, Da man gern Schatten haben mag, Hat mir die Sonne unverwandt Auf meinen goldigen Leib gebrannt. So ward ich schwarz fuer Alter ganz, Und weg ist aller Glitz und Glanz. Da haben sie mich denn zuletzt Veracht't und schmaehlich abgesetzt. Meinthalb! so ist der Welt ihr Lauf, Jetzt tun sie einen andern 'nauf. Stolzier, prachtier und dreh dich nur! Dir macht der Wind noch andre Cour. Ade, o Tal, du Berg und Tal! Rebhuegel, Waelder allzumal! Herzlieber Turn und Kirchendach, Kirchhof und Steglein uebern Bach! Du Brunnen, dahin spat und frueh Oechslein springen, Schaf' und Kueh, Hans hinterdrein kommt mit dem Stecken, Und Bastes Evlein auf dem Schecken! - Ihr Stoerch und Schwalben, grobe Spatzen, Euch soll ich nimmer hoeren schwatzen! Lieb deucht mir jedes Drecklein itzt, Damit ihr ehrlich mich beschmitzt. Ade, Hochwuerden, Ihr Herr Pfarr, Schulmeister auch, du armer Narr! Aus ist, was mich gefreut so lang, Gelaeut und Orgel, Sang und Klang. Von meiner Hoeh so sang ich dort, Und haett noch lang gesungen fort, Da kam so ein krummer Teufelshoecker, Ich schaetz, es war der Schieferdecker, Packt mich, kriegt nach manch hartem Stoss Mich richtig von der Stange los. Mein alt presshafter Leib schier brach, Da er mit mir fuhr ab dem Dach Und bei den Glocken schnurrt hinein; Die glotzten sehr verwundert drein, Regt' ihnen doch weiter nicht den Mut, Dachten eben, wir hangen gut. Jetzt taet man mich mit altem Eisen Dem Meister Hufschmied ueberweisen; Der zahlt zween Batzen und meint Wunder, Wieviel es waer fuer solchen Plunder. Und also ich selben Mittag Betruebt vor seiner Huette lag. Ein Baeumlein - es war Maienzeit - Schneeweisse Blueten auf mich streut, Huehner gackeln um mich her, Unachtend, was das fuer ein Vetter waer. Da geht mein Pfarrherr nun vorbei, Gruesst den Meister und laechelt: Ei, Waers so weit mit uns, armer Hahn? Andrees, was fangt Ihr mit ihm an? Ihr koennt ihn weder sieden noch braten, Mir aber muesst es schlimm geraten, Einen alten Kirchendiener gut Nicht zu nehmen in Schutz und Hut. Kommt! tragt ihn mir gleich vor ins Haus, Trinket ein kuehl Glas Wein mit aus. Der russig Luemmel, schnell bedacht, Nimmt mich vom Boden auf und lacht. Es fehlt' nicht viel, so tat ich frei Gen Himmel einen Freudenschrei. Im Pfarrhaus ob dem fremden Gast War gross und klein erschrocken fast; Bald aber in jedem Angesicht Ging auf ein rechtes Freudenlicht. Frau, Magd und Knecht, Maegdlein und Buben, Den grossen Goeckel in der Stuben Mit siebenfacher Stimmen Schall Begruessen, begucken, betasten all. Der Gottesmann drauf mildiglich Mit eignen Haenden traegt er mich Nach seinem Zimmer, Stiegen auf, Nachpolteret der ganze Hauf. Hier wohnt der Frieden auf der Schwell! In den geweissten Waenden hell Sogleich empfing mich sondre Luft, Buecher- und Gelahrtenduft, Gerani- und Resedaschmack, Auch ein Ruechlein Rauchtabak. (Dies war mir all noch unbekannt.) Ein alter Ofen aber stand In der Ecke linkerhand. Recht als ein Turn taet er sich strecken Mit seinem Gipfel bis zur Decken, Mit Saeulwerk, Blumwerk, kraus und spitz - O anmutsvoller Ruhesitz! Zu oeberst auf dem kleinen Kranz Der Schmied mich auf ein Staenglein pflanzt'. Betrachtet mir das Werk genau! Mir deuchts ein ganzer Muensterbau; Mit Schildereien wohl geziert, Mit Reimen christlich ausstaffiert. Davon vernahm ich manches Wort, Dieweil der Ofen ein guter Hort Fuer Kind und Kegel und alte Leut, Zu plaudern, wann es wind't und schneit. Hier seht ihr seitwaerts auf der Platten Eines Bischofs Krieg mit Maeus und Ratten, Mitten im Rheinstrom sein Kastell. Das Ziefer kommt geschwommen schnell, Die Knecht nichts richten mit Waffen und Wehr, Der Schwaenze werden immer mehr. Viel Tausend gleich in dicken Haufen Frech an der Mauer auf sie laufen, Fallen dem Pfaffen in sein Gemach; Sterben muss er mit Weh und Ach, Von den Tieren aufgefressen, Denn er mit Meineid sich vermessen. - Sodann Koenig Belsazers seinen Schmaus. Weiber und Spielleut, Saus und Braus; Zu grossem Schrecken an der Wand Raetsel schreibt eines Geistes Hand. - Zuletzt da vorne stellt sich fuer Sara lauschend an der Tuer, Als der Herr mit Abraham Vor seiner Huette zu reden kam, Und ihme einen Sohn versprach. Sara sich Lachens nicht entbrach, Weil beide schon sehr hoch betaget. Der Herr vernimmt es wohl und fraget: Wie, lachet Sara? glaubt sie nicht, Was der Herr will, leicht geschieht? Das Weib hinwieder Flausen machet, Spricht: Ich habe nicht gelachet. Das war nun wohl gelogen fast, Der Herr es doch passieren lasst, Weil sie nicht leugt aus arger List, Auch eine Patriarchin ist. Seit dass ich hier bin duenket mir Die Winterszeit die schoenste schier. Wie sanft ist aller Tage Fluss Bis zum geliebten Wochenschluss! - Freitag zu Nacht, noch um die Neune, Bei seiner Lampen Trost alleine, Mein Herr fangt an sein Predigtlein Studieren; anderst mags nicht sein; Eine Weil am Ofen bruetend steht, Unruhig hin und dannen geht: Sein Text ihm schon die Adern reget; Drauf er sein Werk zu Faden schlaeget. Inmittelst einmal auch etwan Hat er ein Fenster aufgetan - Ah, Sternenluefteschwall wie rein Mit Haufen dringet zu mir ein! Den Verrenberg ich schimmern seh, Den Schaeferbuehel dick mit Schnee! Zu schreiben endlich er sich setzet, Ein Blaettlein nimmt, die Feder netzet, Zeichnet sein Alpha und sein O Ueber dem Exordio. Und ich von meinem Postament Kein Aug ab meinem Herrlein wend; Seh, wie er, mit Blicken steif ins Licht, Sinnt, pruefet jedes Worts Gewicht, Einmal sacht eine Prise greifet, Vom Docht den roten Butzen streifet; Auch dann und wann zieht er vor sich Ein Spruechlein an vernehmentlich, So ich mit vorgerecktem Kopf Begierlich bringe gleich zu Kropf. Gemachsam kaemen wir also Bis Anfang Applicatio. Indes der Waechter Elfe schreit. Mein Herr denkt: es ist Schlafenszeit; Ruckt seinen Stuhl und nimmt das Licht; Gut Nacht, Herr Pfarr! - Er hoert es nicht. Im Finstern waer ich denn allein. Das ist mir eben keine Pein. Ich hoer in der Registratur Erst eine Weil die Totenuhr, Lache den Marder heimlich aus, Der scharrt sich mued am Huehnerhaus; Windweben um das Daechlein stieben; Ich hoere, wie im Wald da drueben - Man heisser es im Vogeltrost - Der grimmig Winter sich erbost, Ein Eichlein spalt't jaehling mit Knallen, Eine Buche, dass die Taeler schallen. - Du meine Guet, da lobt man sich So frommen Ofen dankbarlich! Er waermelt halt die Nacht so hin, Es ist ein wahrer Segen drin. - Jetzt, denk ich, sind wohl hie und dort Spitzbuben aus auf Raub und Mord; Denk, was eine schoene Sach es ist, Brave Schloss und Riegel zu jeder Frist! Was ich wollt machen herentgegen, Wenn ich eine Leiter hoert anlegen; Und sonst was so Gedanken sind; Ein warmes Schweisslein mir entrinnt. Um zwei, gottlob, und um die drei Glaenzet empor ein Hahnenschrei, Um fuenfe, mit der Morgenglocken, Mein Herz sich hebet unerschrocken, Ja voller Freuden auf es springt, Als der Waechter endlich singt: Wohlauf, im Namen Jesu Christ! Der helle Tag erschienen ist! Ein Stuendlein drauf, wenn mir die Sporen Bereits ein wenig steif gefroren, Rasselt die Lis' im Ofen, brummt, Bis's Feuer angeht, saust und summt. Dann von der Kuech 'rauf, gar nicht uebel, Die Supp ich wittre, Schmalz und Zwiebel. Endlich, gewaschen und geklaert, Mein Herr sich frisch zur Arbeit kehrt. Am Samstag muss ein Pfarrer fein Daheim in seiner Klause sein, Nicht visiteln, herumkutschieren, Seine Fass einbrennen, sonst hantieren. Meiner hat selten solch Gelust. Einmal - Ihr sagts nicht weiter just - Zimmert' er den ganzen Nachmittag Dem Fritz an einem Meisenschlag, Dort an dem Tisch, und schwatzt' und schmaucht', Mich alten Tropf kurzweilt' es auch. Jetzt ist der liebe Sonntag da. Es laeut't zur Kirchen fern und nah. Man orgelt schon; mir wird dabei, Als saess ich in der Sakristei. Es ist kein Mensch im ganzen Haus; Ein Muecklein hoer ich, eine Maus. Die Sonne sich ins Fenster schleicht, Zwischen die Kaktusstoeck hinstreicht Zum kleinen Pult von Nussbaumholz, Eines alten Schreinermeisters Stolz; Beschaut sich was da liegt umher, Konkordanz und Kinderlehr, Oblatenschachtel, Amtssigill, Im Tintenfass sich spiegeln will, Zuteuerst Sand und Grus besicht, Sich an dem Federmesser sticht Und gleitet uebern Armstuhl frank Hinueber an den Buecherschrank. Da stehn in Pergament und Leder Vornan die frommen Schwabenvaeter: _Andreae, Bengel, Rieger_ zween, Samt _Oetinger_ sind da zu sehn. Wie sie die goldnen Namen liest, Noch goldener ihr Mund sie kuesst, Wie sie ruehrt an _Hillers_ Harfenspiel - Horchl klingt es nicht? so fehlt nicht viel. Ein Wunsch im stillen dann und wann Kommt einen freilich wohl noch an. Im Sommer stuend ich gern da draus Bisweilen auf dem Taubenhaus, Wo dicht dabei der Garten blueht, Man auch ein Stueck vom Flecken sieht. Dann in der schoenen Winterzeit, Als zum Exempel eben heut: Ich sag es grad - da haben wir Gar einen wackern Schlitten hier, Gruen, gelb und schwarz; - er ward verwichen Erst wieder sauber angestrichen. Vorn auf dem Bogen bruestet sich Ein fremder Vogel hoffaertig - Wenn man mich etwas putzen wollt, Nicht, dass es drum viel kosten sollt, Ich stuend so gut dort als wie der Und machet niemand nicht Unehr! - Narr! denk ich wieder, du hast dein Teil! Willst du noch jetzo werden geil? Mich wundert, ob dir nicht gefiel', Dass man, der Welt zum Spott und Ziel, Deinen warmen Ofen gar zuletzt Mitsamt dir auf die Laeufe setzt', Dass auf dem Gsims da um dich saess Mann, Weib und Kind, der ganze Kaes! Du alter Scherb, schaemst du dich nicht, Auf Eitelkeit zu sein erpicht? Geh in dich, nimm dein Ende wahr! Wirst nicht noch einmal hundert Jahr. Mehr Mörike Gedichte? Bitte klicken Sie Eduard Mörike. Gedichte aller Autoren finden Sie in unserem Index. |
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