Eduard Mörike
Das Bildnis der Geliebten (Eduard Mörike)

           

Maler, du zweifelst mit Recht, indem du den seltenen Umriß

    Meiner Geliebten bedenkst, wie du beginnest dein Werk.

Ob von vorn das Gesichtchen, ob du's von der Seite mir zeigest?

    Viel hat beides für sich und mich beklemmet die Wahl.

»Nun, dreiviertel?« Ich möchte das reine Profil nicht entbehren,

    Wo sie, so eigen, so neu, kaum nur sich wiedererkennt.

Sinnen wir lang? Schon weiß ich, vernimm, die natürlichste Auskunft:

    Male die doppelte mir kühn auf dasselbige Tuch.

Denn was wagst du dabei? Man wird zwei Schwestern erblicken,

    Ähnlich einander, doch hat jede das Ihre voraus.

Und mich stell in die Mitte! Den Arm auf die Achsel der einen

    Leg ich, aber den Blick feßle die andere mir,

Die mit hängenden Flechten im häuslichen Kleide dabeisteht,

    Nieder zum Boden die lang schattende Wimper gesenkt,

Indes jene, geschmückt, und die fleißig geordneten Zöpfe

    Unter dem griechischen Netz, offenen Auges mir lacht.

- Eifersucht quälte dich öfter umsonst: wie gefällt dir, Helene

    Dein zweideutiger Freund zwischen dies Pärchen gestellt?

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-538-05651-x
Erschienen im Buch "Sämtliche Werke Band I"
Herausgeber: Winkler Verlag