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Clemens Brentano Frühmorgenlied vom Kirschblütenstrauß, schweren Stein und des lieben Herzens Güte und Segen (Clemens Brentano)schweren Stein und des lieben Herzens Güte und Segen 22. Mai 1817 Geschämig tritt die falbe Aurora vor das Himmelshaus, Da legt die graue Schwalbe Fromm plaudernd ihr die Träume aus. Da sinken in das Blaue Der Sterne Geisteraugen ein, Da wäscht sich in dem Taue Das Licht den Sonnenschleier rein. Mich weckend summt die Mücke Am Fenster, möcht zum Licht hinaus, Da lenk ich meine Blicke Auf einen Kirschenblütenstrauß. Der Strauß, von dir gepflücket, Er hielt die Blüten fest bis heut, Doch hat sich heut gebücket Und seinen Schmuck umher gestreut. Die Blätter aber strecket Er frisch noch zu dem Lichte aus, Zum Licht, das mich erwecket, Und dich und deinen treuen Strauß. Vergib, geliebtes Leben, Daß ich zuerst an dich gedacht, Kann ich zum Licht noch streben, So ist's, weil mir's in dir erwacht. Was wär mir dann die Sonne, Schien sie nicht in die Augen dein, In ihnen wird sie Wonne, In meinen wird sie Feuerpein. Wohin ich in der Kammer Die irren Blicke schweifen laß, Schlägt mahnend mir ein Hammer Ans schwere Herz, ohn Unterlaß. Die Bücher und die Bilder, Die geizig ich zusammentrug, Sie schreien immer wilder, O stein'ger Acker, stumpfer Pflug! Die Steine wollt ich wälzen Zu einer freien Aussicht Lust, Es wuchs daraus ein Felsen, Der fiel zurück auf meine Brust. Zerschmettert, unbegraben Lag ich in Wind und Wettersnot, Es fraßen mich die Raben, Ich starb und starb doch nie zu Tod. Es wollt kein Vogel singen, Als wäre dieser Stein verflucht, Es wollt kein Quell entspringen, Der meine heiße Kehle sucht. Nur Kröten, Ottern, Schlangen Umkrochen kalt mir meine Brust, Daß Kühlung ich empfangen Selbst von dem grimmen Ekel mußt. Und wenn ich glühend weinte, Verzweiflung mich zu singen zwang, Da lobten mich die Freunde Hohnlächelnd im Vorübergang. Heran wollt keiner treten, Den Stein zu wälzen von der Brust, Mit mir wollt keiner beten, Und ich hab kein Gebet gewußt. Da rang ich endlich blutig Die rechte Hand mir los und frei, Und schlug ein Kreuz gar mutig, Daß Jesus mir barmherzig sei. O wundertätig Zeichen! Du trugst die Sünde aller Welt, Ich fühlt die Last auch weichen, Du warst als Stütze aufgestellt. Ein Vöglein kam gereiset, Baut mir ein Dornennest ins Herz, Das Vöglein Buße heißet, Und sein Gesang heißt: bittrer Schmerz. Ein Gärtlein ich ihm baute Von herbem Kraut, heißt Reu und Leid, Da fraß es von dem Kraute, Trank meine Tränen allezeit. Und heißer ward sein Brüten; Das Dornennest in meiner Brust Fühlt ich wie Feuer wüten, Das dürstend still ich tragen mußt. So lag ich da alleine Und hört den Vogel, sah das Kraut, Als plötzlich von dem Steine Ein kühler Quell hernieder taut. Da sah ich auf der Spitzen Des Steines in dem Sonnenschein Gar still, mitleidig sitzen Dich, liebes, frommes Jungfräulein. Dem Quell, der mich erquicket, Erschlossest du das Felsentor, Aus deinen Augen blicket Die Gnade all, die ich verlor. Du siehst mit frommen Sinnen Dem Tanz der kleinen Fliege zu Und gönnst den goldnen Spinnen Ihr schwebend Haus in Sonnenruh. Den Käfer auf den Rücken Gefallen, richtest mild du auf, Schlägst sichere Blätterbrücken Der Ameise in ihrem Lauf. Du räumest auf den Stegen Die Steine aus des Wandrers Schritt Und tiefst auf irren Wegen Die Spur mit deiner Füße Tritt. Du richtest längs dem Pfade Die sturmgebeugte Ähre auf Und wirfst das zum Gestade Geführte Fischlein in den Lauf. Du wärmst mit deinem Hauche Das nestentfallne Vögelein Und sammelst von dem Strauche Zum Bett ihm zarte Wolle ein. Und seinen Eltern streuest Du deines Brotes Krümlein aus, Weinst mit dem Leid und freuest Dich mit der Lust in Gottes Haus. Deckst selbst das Nest der Schlangen, Flehst selbst der Kröte um ein Schild, Siehst du die Spinne hangen Feindselig überm Ekelbild. Mein Weh hast du gespüret Und riefst den Sünder gern zu Gast; Den Stein hast du gerühret, Er weichet schon, ich atme fast. Mein Durst hat dich gezogen, Und deine Tränen flossen mir; Die ersten Gnadenwogen Entsprangen mir von dir, von dir. Ich las aus deinen Blicken, Daß Gottes Lieb unendlich ist, Dein Mund konnt mich erquicken, Er sprach und sang von Jesu Christ. Du sprachst: »Wie einst auf Erden Der Feind den lieben Herrn versucht, Daß Stein zu Brot soll werden, Hast du bei Jesu auch gesucht; Du lebst nicht nur vom Brote, Nein, auch vom Wort aus Gottes Mund, Dich macht vom innern Tode Die Liebe Jesu nur gesund. Der Stein, der dich erdrücket, Ist greulich vor der Seele mein, Doch hab ich ihn gerücket, O glaub! und Gott wird gnädig sein.« Da glaubt ich, und den Riegel Schobst du hinweg vom Himmelstor, Und gabst dem Felsen Flügel Und trugst ihn über mir empor. Doch lieg ich noch zerschlagen, Und treu noch pflegst du mich, lieb Kind, Bis auf Elias Wagen Ich endlich deinen Himmel find! So hab ich Gott gedanket, Daß er dich auch erwachen läßt, Wer schwer gefallen, wanket Und hält den Stab mit Ängsten fest. Verfügbare Informationen: Erschienen im Buch "Gedichte" ISBN: 3-15-008669-8 Herausgeber: Philipp Reclam jun. Mehr Brentano Gedichte? Bitte klicken Sie Clemens Brentano. Gedichte aller Autoren finden Sie in unserem Index. |
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