Carl Spitteler
Die Engel (Carl Spitteler)

       

Das Schiff ging seinen steten Gang,

das Meer war weit, der Tag war lang.

Ich lag im dumpfen Kämmerlein,

da kam ein Traum zu mir herein.

*     *     *  

Mir war, ich stände ohne Zweck

und Absicht auf dem Achterdeck.

Da flog ein Engel, wohlbekannt,

aus meinem teuren Mutterland,

schwebt' auf den Wellen, glitt und schliff

im Wettstreit mit dem schnellen Schiff.

Die Flügel schwang er durch die Luft,

da quoll's wie Heimatsbergesduft.

Dann sang er einen starren Ton.

Da leuchtete die Welt davon.

Ein zweiter Engel nach ihm sang

denselben starren schönen Klang,

und kaum erschloß er seinen Mund,

so grünte rings die Welt im Rund.

Und immer neue Engel mehr

erschienen durch die Luft daher.

Mit rosigem Farbentaumeltanz

umringten sie das Schiff im Kranz.

Jetzt hoben sie sich plötzlich auf

und flatterten zum Deck hinauf.

Die einen setzten sich aufs Bord,

die andern auf die Segelrah',

wohin mein trunk'nes Auge sah,

ein liebes Antlitz grüßte dort.

Mir ward so wohl, mir ward so weich,

ich schrie: »O Gott, wie bin ich reich.«

*     *     *    

Doch als ich wiederum erwacht',

umfing mich kalte Regennacht.

Schnöde Gesichter um mich her,

und um und um das öde Meer.

Ich leg' den Kopf auf meinen Arm:

»Wie war ich reich, wie bin ich arm.«

Verfügbare Informationen:
Erschienen im Buch "Vom goldnen Überfluss"
Herausgeber: R. Voigtländers Verlag