Carl Spitteler
Die Ballade vom lyrischen Wolf (Carl Spitteler)

       

Frühlingslüfte lispelten im Haine,

Und ein Wolf im Silbermondenscheine,

Aufgeregt von lyrischen Gefühlen,

Strich, in seinem Innersten zu wühlen,

Melancholisch durch Gebirg und Strauch,

Liebe spürt er, etwas Weltschmerz auch.

Davor mög uns Gott der Herr bewahren:

Nachtigallenseufzer ließ er fahren.

Eine Rose hielt er in den Knöcheln,

Schwanenlieder in den Kelch zu röcheln,

Und mit honiglächelndem Gemäul

Flötet er ein schmachtendes Geheul.

Zwar auf Tugend mag die Kunst verzichten,

Liederliche sieht man Lieder dichten,

Aber Drachen mit Musik im Rachen –

Liebster, das sind hoffnungslose Sachen.

Aller schönen Künste weit und breit

Grundbedingung ist Gutherzigkeit.«

Verfügbare Informationen:
ISBN: 3-15-008501-2
Erschienen im Buch "Deutsche Balladen"
Herausgeber: Philipp Reclam jun.